Leseproben

 

2.2.1.3 Wissenschaft

So aber wurde Tim Wissenschaftler an einer Universität und fand einen Mann als Partner. Er brauchte seine Homosexualität nicht geheim zu halten, sie wurde an der Universität aber auch nie Thema. Die Kollegen wussten davon, Studenten munkelten wahrscheinlich; ausgesprochen wurde nichts.

Der Hochschullehrer Tim fühlte sich nie von Studenten körperlich angezogen, abgesehen von einem oder zweien, die deutlich erwachsener waren und mehr erlebt hatten als ihre Kommilitonen, und die etwas Verdorbenes im Blick hatten.

Aus der evangelischen Kirche war Tim schon lange ausgetreten. Was die verkündigte, war ihm egal. Dass sie in ihren Ansichten immer moderner wurde, machte ihm nichts mehr aus.

Aber wenn er nun zufällig katholisch aufgewachsen wäre?

2.2.2 Katholisch

Seine Eltern waren nicht besonders kirchlich, doch Tim wurde seit seiner Kindheit angezogen von Messen mit Weihrauch, Orgelmusik und schönen Gewändern. Langsam hatte er sich immer mehr in den Glauben vertieft, und nachdem er sich mit einem Priester in der Kleinstadt angefreundet hatte und ihm bei verschiedenen Projekten half, sah er, wie wichtig diese Kombination von Amt und Beruf ist, und was man für seine Mitmenschen bedeuten kann. Er konnte sich durchaus vorstellen, einmal Priester zu werden. Seine Eltern und Klassenkameraden fanden das Unsinn. Alle waren sich einig, dass niemand auf Dauer ein Leben ohne Frau aushalten kann. Außerdem mehrten sich in der Gesellschaft die ersten Bedenken gegen die katholische Kirche als Organisation.

Übrigens kannte er Priester, die ziemlich offen mit ihrer Haushälterin wie mit einer Lebenspartnerin zusammenlebten und auch mit ihr zusammen eingeladen wurden wie ein Ehepaar. Er wusste nicht, ob das schlimm wäre; aber ihm war klar, dass er als Priester ein zölibatäres Leben führen würde. Frauen hatten ihn noch nie interessiert.

Dass man als Priester homosexuell sein und seine Veranlagung ausleben könnte, wäre nie in ihm aufgekommen. In seinem Kleinstadtmilieu war Homosexualität unbesprechbar. Es gab ja auch nachweislich weit und breit keine Homosexuellen, die man hätte besprechen können.

In der Studentengemeinde kam er gerade in der Zeit, in der sich immer mehr von ihr abwandten, der Kirche immer näher. Er lernte zu unterscheiden zwischen weltlichen Missständen in der Organisation und der Glaubenswirklichkeit, um die es eigentlich ging.

Es gab damals viele ökumenische Initiativen und Veranstaltungen, und die evangelische Kirche kam ihm bisweilen moderner und attraktiver vor, aber da fehlten zwei Dinge: das Priestertum und die Rituale.

Er litt an bestimmten Auswüchsen und unter den harten Urteilen gewisser Bischöfe, aber er glaubte auch immer stärker.

Da fing er an, Theologie zu studieren, aus ehrlicher Überzeugung und tiefem Glauben, nicht als Flucht.

Bei aller ehrlichen Überzeugung war es doch eine angenehme Nebenwirkung, dass er nicht länger über Heirat nachdenken musste, und dass seine Freunde und Verwandten ihn mit ihrer Fragerei in Ruhe ließen. Er würde trotz Verzichts auf Ehe und Familie ein respektiertes Leben führen können, wenn er Priester würde.

Wenn. Soweit war es noch lange nicht. Aber das Theologiestudium an einer modernen Universität, in der Zeit von Küng, brauchte ihn Gott und der wirklichen Kirche immer näher. Vielleicht würde er ja auch nur Religionslehrer. Er war sich nicht sicher, ob er eine Berufung fühlen würde und für ein Amt mit dieser Verantwortung berechnet wäre.

© Jens van Nimwegen, Nijmegen 2014