Brief an besorgte Eltern

 

In Baden-Württemberg und in Berlin versuchen über zweihunderttausend besorgte Eltern, durchzusetzen, dass an Schulen nicht über Homosexualität gesprochen werden darf – weder im Sexualkundeunterricht noch zum Beispiel im Deutschunterricht, wenn es um Thomas Mann geht oder im Kunstunterricht, wenn es um David Hockney geht. Darum dieser Brief.

Bitte leiten Sie ihn weiter! Jeder darf den Text kopieren und verbreiten.

Homosexuell kann man nicht gemacht werden – man ist es oder nicht. Die weise Großmutter eines Bekannten, Bäuerin, hatte vor vielen Jahren zu ihrer Tochter gesagt: „Det kriejste aus dem Jungen nich rausjeprüjelt und ooch nich rausjebetet.“

Wenn Sie das nicht glauben, reden Sie doch einfach einmal mit ein paar Homosexuellen über ihre Entwicklung, ihre ersten Gefühle, ihr Verlangen!

In meiner Schulzeit gab es noch den Paragraphen 175, und über Homosexualität wurde weder im Elternhaus noch auf der Schule gesprochen. Das hatte den Vorteil, dass man keine menschenunwürdigen Witze anhören und keine Erniedrigungen aushalten musste. Manche christlichen Gruppierungen wollen, dass es wieder so wird.

Dieses Verschweigen hatte aber zwei verhängnisvolle Folgen.

Erstens wird etwas, das man nicht kennt und über das man mit niemandem, der etwas davon versteht oder der selbst betroffen ist, reden kann, von selbst immer unheimlicher. Schweigen, Angst und Irrtümer kurbeln sich gegenseitig an. So entsteht Antisemitismus, so entstand in Amerika unter McCarthy eine pathologische Angst vor allem, was „links“ war, so entsteht Homophobie. Und dabei sammeln sich immer mehr Irrtümer und Denkfehler. Am Ende glaubt man, dass schon das Kennenlernen, dass es so etwas gibt, und das offene Reden darüber Menschen verführen und verderben kann.

Darum lassen sich heutzutage in unserem Land manche Eltern, Lehrer und Chefs noch immer von den dümmsten, wirklich falschen Vorurteilen leiten. Vielleicht auch Sie. Wenn ja, fügen sie ihren homosexuellen Mitmenschen ganz unchristlich Schmerz und Leid zu. So ruinieren Sie Existenzen. So lassen Sie die Jugendlichen, die  nun einmal homosexuell sind, mit ihren Problemen allein. Manche begehen dann in ihrer Not Selbstmord. Andere lernen, dass man sich vor Allem in unserer Gesellschaft dauernd verstecken und unaufrichtig sein muss. Ist es nicht ein gesellschaftlicher Skandal, dass es im aufgeklärten Deutschland Dinge gibt, die existentiell wichtig sind und die viele Menschen beschäftigen, über die man aber auf der Schule ganz und gar nicht reden darf? Denn Sie sehen ja anscheinend keinen Unterschied zwischen Indoktrination und Verführung einerseits und Hinschauen und Verstehen andererseits.

Denken Sie doch einmal nach: wenn Ihr Kind nicht homosexuell veranlagt ist, glauben Sie wirklich, dass das Reden darüber, das Kennenlernen, der Versuch des Verstehens von anderen Lebensformen Ihr Kind ins Unglück bringen wird? Haben Sie dem nichts entgegenzusetzen als die Angst des Schweigens und Verurteilens? Wollen Sie wirklich, dass Ignoranz und Angst statt Aufgeklärtheit und scharfem Geist die Ratgeber Ihrer Kinder sind? Dann trauen Sie sich selbst, Ihren Kindern und deren Lehrern ja wenig zu!

Zweitens hatte dieses Verschweigen während meiner Schulzeit die Folge, dass die Jugendlichen, die nun einmal homosexuell waren, gar keine Gelegenheit fanden, zu lernen, mit Verliebtheit, Liebe, Liebesschmerz und Bindung umzugehen. Erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später, als wir die verschwiegene Tür gefunden hatten, hinter der wir gleich Veranlagte finden konnten, mussten wir das alles lernen, was die heterosexuellen Gleichaltrigen seit ihrer Pubertät gelernt hatten.

Kein Wunder, dass heute viele Homosexuelle nicht unverkrampft mit sich selbst und ihren Partnern umgehen können. Kein Wunder, dass manche nicht liebesfähig, sondern sexsüchtig sind. Das liegt nicht an ihrer Veranlagung, das liegt daran, dass ihnen ihre Adoleszenz genommen wurde! Durch Menschen, die dieses Schweigen, diese Angst, diese Irrtümer gegen alle Aufklärung in Stand halten wollten.

Hier schließt sich der Kreis. Wer wenig über Homosexualität weiß oder sie ablehnt, nimmt nur wahr, was die Vorurteile bestätigt:  minderwertige, perverse, kranke, unmoralische Menschen, über die man am liebsten nichts wissen, mit denen man nichts zu tun haben will. „Herr Gott, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie jener da.“ Und Ihr Kind soll auch nicht so werden.

Heute ist es anders als in meiner Schulzeit. In den Medien lernen Kinder kennen, dass es Homosexuelle gibt. Die meisten, die sie in den Medien kennenlernen, sind schrill und auffällig. Weil die, die nicht schrill sind, kaum in den Medien vorkommen oder nicht auffallen.

Ihr Kind ist mit großer Wahrscheinlichkeit heterosexuell. Solange auf der Schule und bei Ihnen zu Hause nicht aufgeklärt, das heißt auch menschlich und respektvoll, über Homosexualität gesprochen wird, wird Ihr Kind seine homosexuellen Mitschüler quälen und erniedrigen. Das ist nun einmal unter Schülern so. Später wird es als Lehrer, Chef, Vater oder Mutter dieses Leid weitergeben. Wollen Sie das? Christlich ist das nicht.

Es kann aber auch sein, dass Ihr Kind homosexuell ist. Dann bekommen Sie es, wie gesagt, nicht herausgeprügelt und nicht herausgebetet. Sie als Eltern sind zusammen mit den Lehrern in der Verantwortung, ihrem Kind eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen.

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