Leseprobe

 

„Ob er ne schwule Sau wird ist mir scheiß-egal, aber mein Sohn muss weg von den Drogen, darf die Schule nicht hinschmeißen und muss danach studieren oder was Vernünftiges lernen. Eh, bitte entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Sie merken, wie ich mir Sorgen mache.“

„Und was habe ich damit zu tun?“

„Noch nichts. Aber Sie werden dafür sorgen. Und zwar ab heute. Jeder verlorene Tag macht es schlimmer.“

„Ich bin Personenschützer des Inhabers vom Thier-Konzern, wie Sie wissen, kein Sozialarbeiter. Und ich behalte meine Stelle, mit der ich sehr zufrieden bin. Lassen Sie sich vom Jugendamt beraten!“

„Der braucht keinen Sozialarbeiter. Ich weiß genau, wer Sie sind und wie Sie leben. Nur ein Mann wie Sie kann diesen Jungen noch retten, zusammen mit Ihrem, eh, Knecht. Und natürlich geben Sie ihre Stelle bei Herrn Thier nicht auf, der braucht Sie auch. Ich koche uns jetzt erst einmal Tee, und dann reden wir weiter.“

Am Telefon hatte er sich nur als „Rüdenstein, Wilmersdorf“ vorgestellt, gesagt, dass er meinen ehemaligen Ausbilder kennt und mich deshalb sprechen will. Wenn es ginge, sofort. Und jetzt sitzen wir also in dieser Dreizimmerwohnung, während der Hausherr in der Küche herumwirtschaftet. Von der Wand schauen uns zwei Porträts vom Trödelmarkt streng an. Siebzehntes Jahrhundert, der Kleidung nach. Auch sonst steht hier allerlei alter Plunder herum. Nichts deutet auf eine Hausfrau hin.

Ich habe von meinen Chefs gelernt, dass man erst einmal gut zuhört, bevor man eine Bitte oder ein Angebot ablehnt, und als sich herausstellt, dass der Mann vernünftig Tee kochen kann, offenbar ein Darjeeling Second Flush, und auch Milch dazu reicht, habe ich es nicht so eilig, weg zu kommen. Was auch hilft, ist, dass er auf meine Fragen offen und klar eingeht und nicht darumherumredet.

Er wohnt hier seit dem Tod der Mutter allein mit seinem Sohn, der in ein paar Monaten volljährig wird und aufs Gymnasium geht. Beziehungsweise wohnte und ging, denn der Junge ist seit einigen Wochen weg und wurde auch auf der Schule nicht mehr gesehen. Er hängt mit Punkern auf dem Alexanderplatz und sonstwo rum und kifft, wenn nicht Schlimmeres. Wie der Vater das wissen kann?

„Wenn mein Sohn noch nicht einmal ein Passwort auf seinem Computer hat, muss er damit rechnen, dass sein Vater dort nachsieht, wenn er tagelang verschollen ist. Und dann bin ich selbst mal am Alex schauen gegangen. Von Weitem. Ich glaube nicht, dass er mich bemerkt hat. Das wäre mir aber auch egal. Ich glaube, er weiß, dass ich ihm nie eine öffentliche Szene machen würde.“

Der Junge war auf dem Gymnasium immer gut, hat regelmäßig Sport getrieben und ist zum Cellounterricht gegangen, hat erstaunlich wenig Zeit am Computer zugebracht, aber in letzter Zeit ging die Schule ihm auf die Nerven. Dann hat er wohl diese Punker kennengelernt, blieb immer länger weg, und dann kam er gar nicht mehr nach Hause. Er interessiert sich wohl mehr für Männer als für Frauen, aber darüber war kein sinniges Gespräch zwischen Vater und Sohn möglich. Weil seit längerem sowieso kein sinniges Gespräch mehr möglich war, nicht etwa weil der Vater da Vorbehalte gehabt hätte. Richtig gute Freunde hatte er die letzten Jahre aber wohl nicht gehabt, jedenfalls bekam er nie Besuch und erzählte nie von einem Freund. Anscheinend hat er nun Kumpels gefunden, bei denen er sich wohlfühlt. Hier in Wilmersdorf gibt es solche gegen den Strich gebürsteten Jugendlichen nicht, jedenfalls sind sie dem Vater noch nie aufgefallen.

„Soll er nur! Aber er darf seine Ausbildung nicht abbrechen und kein Junkie werden.“

Der Vater kennt sehr wohl den Unterschied zwischen Haschisch und Heroin, aber er traut diesen Kumpels und dieser ganzen Szene nicht. Und weil er zu seinem Sohn nicht mehr durchdringt, hat er sich umgehört und ist auf uns gestoßen.

„Oh, die Teekanne ist leer. Herr Berkhout, wenn Ihr Knecht neuen Tee kocht, können wir ohne Unterbrechung weiterreden. Er wird sich doch in Küchen zurechtfinden?!“

„Tim! Koch Tee!“

„Angenehm, so ein Knecht. Ja, ich weiß Bescheid. Er ist Ihnen hörig, ist ebenfalls Personenschützer, und Sie beide sind gleich tätowiert, aber spiegelbildlich. Das weiß ich von seinem Ausbilder, der ja auch mal der Ihre war. Daher weiß ich auch von Ihrer Loyalität.“

„Und warum sollen ausgerechnet wir Ihren Sohn retten? Wenn da überhaupt etwas zu retten ist?“

„Erstens sind Sie beide genau der Typ Mann, für den er sich interessiert. In seinem Zimmer hängen ja Bilder, und auf seinem Computer stehen noch mehr. Zweitens weiß ich, dass Sie so eine Aufgabe gern auf sich nehmen. Und man sieht ja, welche Erziehungserfolge Sie schon aufzuweisen haben.“

Das Letzte sagt er mit einem Seitenblick auf Tim, der mit der Teekanne zurückkommt. Es stimmt, Tim hat viel gelernt und sich sehr verändert, seit er mir dienen muss. Äußerlich sind wir uns immer ähnlicher geworden, obwohl er viel älter ist, aber muss nun einmal bedingungslos gehorchen und weiß, dass er die Peitsche fühlen wird, wenn er unaufmerksam oder nachlässig ist. Was aber nur selten vorkommt.

Ich will durchaus keine solche Aufgabe auf mich nehmen, aber er fährt fort: „Drittens haben Sie beide, wie man weiß, keine Berührungsangst mit den Kreisen, in denen er jetzt verkehrt. Und, nicht zu vergessen, Sie können mit der Peitsche umgehen. Die braucht er vielleicht. – Sie sehen, ich weiß genug über Ihre Qualitäten, und Sie werden so eine Aufgabe nicht ablehnen können.“

„Und Sie wissen, dass ich mit meinem Beruf und meinem Leibknecht ausgelastet bin. Und Auspeitschen von Minderjährigen gibt mir keinen Kick. Und überhaupt, wie wollen Sie mich bezahlen? Stundenweise mit Spesen? Oder eine Summe im Erfolgsfalle? Rein theoretisch, meine ich, denn ich bin ja nicht interessiert. Und bezahlen Sie dann für seine Kleidung und Essen? Wir würden ja wohl kaum alle hier wohnen können. Also, wie gesagt, rein theoretisch.“

„Herr Berkhout, ich würde gar nichts bezahlen. Holen Sie sich das nötige Geld, auch Ihr Honorar, von meinem Sohn!“

„Hat der denn Geld?“

„Nein, hat er nicht. Lassen Sie ihn arbeiten. Schicken Sie ihn meinetwegen auf den Strich! Sie wissen zweifellos, wie man das macht, ohne Krankheiten zu bekommen.“

Donnerwetter! Vorurteile hat der ja nicht. Der Mann beginnt mich zu interessieren.

„Ich dachte, Sie wollten nur das Beste für Ihren Sohn.“

„Will ich auch. Und Sie auch. Sie können gar nicht anders, so wie Sie veranlagt sind. Deshalb wird er weiter lernen, gesund bleiben und ehrlich bleiben. Und solange er ehrlich bleibt, ist mir egal, wie er Ihr Geld verdient. Eines weiß ich: wenn er etwas macht, macht er es gut. Und Sie, Herr Berkhout, werden ihn auch nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen lassen. Noch ist er minderjährig. Damit wissen Sie umzugehen, da bin ich sicher.“

„Haben Sie ein Bild von ihm?“

„Hier.“

Mir verschlägt es die Sprache. Ein junger Gott – dieser Kitschausdruck kommt mir doch als erstes in den Sinn. Schulterlange blonde Haare, ein Engelgesicht, aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick, wenn man ihm in die Augen schaut, sieht man Tiefe, Melancholie und eine gewisse Verdorbenheit. Das ist kein platter, verzogener Schüler. Das ist ein junger Mann, dem man nicht leicht etwas vormachen kann. Dieses Foto brauche ich mir nicht auszubitten. Das Gesicht vergesse ich nie.

„Sie haben mich! Bekomme ich freie Hand?“

„War das denn noch nicht deutlich? Sie bekommen freie Hand. Irgendwann wird er mir und Ihnen dankbar sein.“

„Wie heißt er eigentlich?“

„Alexander Ludwig Wilhelm Graf von Rüdenstein.“

Das Zeug hier ist nicht vom Trödelmarkt! Das sind Familienstücke. Der Engel ist kein Engel, sondern ein Prinz. Wahrscheinlich hat er irgendwo auch ein weißes Pferd. Obwohl ihm ein Rappe auch gut stehen würde.