Leseproben

 

Ich sage Radu, dass er gelegentlich ein Schild für hinten aufs Auto machen lassen soll: LEBENDE SCHWEINE. Es ist nämlich der reinste Schweinetransport. Und Schweine müssen nackt sein; darum haben wir kurz vor dem Berliner Ring angehalten und alles ausgezogen. Es ist ja heiß.

Radu, mein personal assistant, wie man das heute nennt, P.A., lenkt. Er ist schlank, überwältigend schön, naturdevot, fast immer halbnackt, immer melancholisch und universell einsetzbar, Sekretär, Chauffeur, Kurier, Hausknecht, Leibdiener und Lustknabe zugleich, 24 Stunden pro Tag im Dienst, sieben Tage pro Woche. Natürlich schläft er bei uns im Bett, denn nachts will man ja manchmal ohne organisatorischen Aufwand entspannt werden. Ein guter P.A. hat dafür zwei Hände und im Gesicht eine praktische Mehrzwecköffnung.

Das Auto vibriert anregend. Ich gebe mich der eintönigen Musik hin und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Da auf der freien Autobahn der Schaltknüppel wohl ein paar Stunden lang nicht gebraucht wird, halte ich Radus Knüppel in der Hand und er den meinen. Zum Glück hat der Jeep nicht so eine hinderliche Mittelkonsole, wie sie aus unerfindlichen Gründen neuerdings modern sind.

Hinter mir sitzt Rotz, der Punker, mein Kerl. Er hat einen Arm um mich gelegt, spielt manchmal mit meinen Brustwarzen und sab- belt meinen Hals ab. Im Moment döst er und bewegt sich nicht.

Rotz wurde erfolgreich zum Schwein abgerichtet; darum trägt er eine Art amtlichen Fleischbeschauungsstempelabdruck auf der Brust tätowiert. Einfach die Artbezeichnung Schwein in einem Kreis. Der Anblick macht mich immer noch geil, vor allem, weil wir meist offene Lederjacken ohne Hemd tragen. Dann kann man den Stempel halb sehen.

In was für einen Film sind wir nur geraten?

Diesmal wird alles fotografiert. Die Spurensicherung packt unsere Tassen in die üblichen Plastikbeutel. Diesmal kommt wie im Tatort ein echter Pathologe und untersucht die Leiche. Wir werden alle einzeln verhört. Der Hauptkommissar erscheint eine Stunde später, weil er aus der Sauna geholt werden musste, und will mit jedem von uns noch einmal sprechen. Er ist ungefähr fünfundvierzig, hat auf dem Schädel und in Gesicht Stoppeln von einem halben Millimeter, einen kleiner Ohrring, trägt einen eleganten Anzug und spanische Stiefel mit Ledersohlen und heißt Carstensen.

Mich verhört er in der Bibliothek. Er beginnt mit den Worten: „Ihr alle hier seid doch schwule Säue. Es s-teht ja sogar auf eurem Jeep hinten drauf.” (Er spricht das nicht aus wie „schteht”.) „Und dieser Minderjährige, auf dem hinten drauf Ferkel s-teht, hat mich unverhohlen angemacht. Ich bin aber kein Kinderficker. Glaubt nur nicht, dass ihr mich damit beeinflussen könnt. Das Saugmaul von Ihrem Assistenten interessiert mich erst, wenn der Fall gelöst und er ein paar Jahre älter ist. Bis dahin interessiert es mich höchstens dienstlich. Wieso war Ihr Assistent hier mit Herrn Prof. Dr. ter Beuken im Bett? Was ist das überhaupt für ein Assistent? Nennt man so was nicht Masseur?”

Er ist arrogant und rücksichtslos, aber ich mag ihn sofort. Er muss seine Arbeit machen und ist jedenfalls nicht verklemmt. Sein Tonfall verrät, dass er aus Hamburg kommt. Was ihn wohl in den Schwarzwald verschlagen hat?

Ich erkläre in großen Zügen, was seit unserer Ankunft geschehen ist, ohne dabei den Wettkampf zu erwähnen. Er hört gut zu, stellt aber kaum Fragen. Er will wiederkommen, wenn der Pathologe seinen Befund mitgeteilt hat. „Sie glauben es nicht! Die Pathologen hier im Schwarzwald s-tellen sich genau so an, wie die im Tatort und sagen nur patzig: So schnell wie möglich. Ich habe aber verlangt, dass der Befund morgen früh vorliegt.”

Danach essen wir ein paar Butterbrote, Karl zieht sich mit Drexau in seine Privaträume zurück, und wir gehen mit zwei Flaschen Sekt in den Stall, den wir nun für uns haben. Wir reden noch lange und streicheln und lecken einander. Zu Eruptionen von Ideen oder Sperma kommt es heute nicht mehr.