Leseprobe: Porco kommt ins Fernehen

 

Porco kommt ins Fernsehen. Noch nichts Großes, aber immerhin eine Talkshow zur Hauptsendezeit: „Weegmann”. Dr. phil. Weegmann ist  um die vierzig Jahre alt und strebt nach einem Vertrag mit RTL. Ob er wirklich so heißt, oder sich von Namen wie Beckmann, Friedman oder Saubermann Erfolg verspricht, ist fraglich. Bisher ist er jedenfalls nicht weiter gekommen als zu einem kleinen Stadtsender, dessen unzensierte Livesendungen beliebt sind. Viele Berliner bewundern Weegmann, weil er immer alles unter Kontrolle hat, dicht am Thema bleibt, Abschweifungen gnadenlos unterbricht und den verschlossenensten Gästen alles entlockt, was er gerne hören will. Anderen geht er auf die Nerven mit seiner Selbstgefälligkeit. Porco ist er egal; Fernsehen hat ihn noch nie interessiert.

Diesen Winter ist der erste seiner drei wöchentlichen Gäste jeweils ein Student mit irgendeiner Besonderheit, zum Beispiel mit einem gefährlichen Hobby, einer Flüchtlingsfamilie in der Studentenbude oder einer seltenen Behinderung. Die Redaktion ist durch ein Interview in der Siegessäule auf Porco aufmerksam geworden, den spanischen Studenten mit Punkfrisur und Nasenring, der Geld als Pornoschauspieler verdient. Dr. Brauksiepe findet natürlich, dass Porco die Einladung annehmen soll, und bestimmt die Kleiderfrage.

Wir schauen uns die Sendung im L♂ch an. Porco trägt eine lockere, weiße, durchscheinende Baumwollhose und ein Kapuzenhemd aus weißer Baumwolle, das vorne sehr weit und tief ausgeschnitten ist. Die Brustwarzen sind gerade noch bedeckt. So viel Haut hat wohl noch kein Mann in dieser Sendung gezeigt. Und diese Haut, immer noch haarlos, glänzt im Scheinwerferlicht. Die wärmende Kapuze hinten und die nackte Brust vorne, die sich nicht verbergen lässt, bilden einen anregenden Kontrast.

Porco ist barfuß und schlägt im Sessel lässig seinen rechten Unterschenkel über sein linkes Knie.

Weegmann stellt ihn vor: erst diesen Sommer aus Spanien nach Berlin gekommen, um hier sein Studium zu vollenden und dann zu promovieren; hat schnell Deutsch gelernt; hat eine Wohnung in Charlottenburg, hält sich aber auch gern bei Freunden in Lichtenberg auf, in einem alten Hinterhof. Er bringt Porco zum Reden mit seinen typischen herablassenden Fragen: wie ihm als Südländer denn Berlin gefalle, welche Unterschiede zu Spanien es gebe, wie er das Klima an der Universität erfahre. Ja, und ob das spanische Garderobe sei, die Porco da trage; hier in Berlin sähe man solche luftige Bekleidung doch eher selten, sicher im Winter.

Porco erklärt mit seinem charmanten Akzent, dass er nie mehr Kleidungsstücke als unbedingt nötig trage und es schade finde, dass nicht mehr Männer das tun. Männerkörper seien doch sehr schön anzusehen, und sie sollten nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch zur Berührung einladen. Dabei greift er sich in den Ausschnitt und reibt seine Brustwarze. Eigentlich, sagt er, würde er hier unter den heißen Lampen am liebsten ganz ohne Hemd sitzen, sein Körper sei doch wohl gut genug, aber die Regie habe das nicht zugelassen. Vielleicht, weil das Publikum den Anblick von Ringen nicht gewohnt wäre? Glücklicherweise gebe es in er Rankestraße solch luftige Hemden. Ist ja vielleicht auch besser für den Sender, denn er habe sich nicht mit Puder schminken lassen, sondern selbst mit Kokosöl zum Glänzen gebracht, und er wolle den Sessel nicht mit Öl beflecken. Wie dem auch sei, setzt er fort, es sollten sich doch mehr Berliner Männer trauen, zu zeigen, wie schön und zugänglich sie sind. Neulich zum Beispiel der Fahrer der letzten Straßenbahn in Marzahn – nicht nur in dieser langweiligen BVG-Uniform, sondern auch noch bis obenhin zugeknöpft, obwohl er seine Kabine doch heizen könnte. Was für ein schöner Mann das war, habe man erst in der Remise feststellen können. Ja, dahin habe der ihn nämlich mitgenommen nach der letzten fahrplanmäßigen Fahrt. Geil, so ein Betriebshof mit seinen Möglichkeiten.

Dr. Weegmann schafft es nach mehreren Versuchen endlich, wieder ans Wort zu kommen, und kommt zurück auf sein Thema. Solch weiße Kleidung sei vielleicht eine halbe Stunde hier im Studio angebracht, aber doch wohl nicht fürs tägliche Leben geeignet, weil man sich so leicht schmutzig mache. Ja, sagt Porco treuherzig, bei der Hose sei Vorsicht geboten. Der letzte Tropfen nach dem, eh, wie beschreibt man das im Fernsehen, pissen sagt man hier doch nicht, oder? Der könnte einen gelben Flecken machen. Das würde nicht jeder schön finden, also muss man jedesmal aufpassen. Zum Glück habe er immer ihn dabei – Porco weist auf seinen Kameramann, der mit einem fleckigen Hemd unter den Zuschauern sitzt – zum Sauberlecken. Zum was??? Ja, der würde mit seinem Nutzmaul jedesmal den letzten Tropfen gründlich aufsaugen. Dr. Weegmann wird rot. „Also, diese Einzelheiten interessieren unsere Zuschauer wohl kaum; lassen wir jetzt über Ihren Beruf sprechen. Sie sind Schauspieler in einer Branche, in der Ihre Professoren sie wohl nicht vermuten werden.”

Porco erklärt, wie froh er ist, von Dr. Brauksiepe entdeckt worden zu sein. Er habe jetzt schon einige Filme gedreht, in denen er einfach nur tue, was er sowieso immer, bei jeder Gelegenheit, gern tue. Beziehungsweise, in denen er ohne nachzudenken einfach tun muss, was andere geile Männer verlangen. Wie schön es sei dass man einfach dafür bezahlt wird, zu leben wie man sowieso leben will, und dank der Firma seines Chefs auch noch als Vorbild für andere dienen könne. Übrigens verstehe er die Bemerkung über Professoren nicht. Neulich habe er noch einen zufällig an der Schönhauser Allee beim Kauf eines seiner Filme getroffen. Da sich nicht so schnell ein Stift fand, mit dem er das Beiheft signieren konnte, habe er den Professor nach Hause begleitet. Der habe doch einen wirklich schönen, gro… Weegmann unterbricht zur Vorsicht noch einmal, und sagt, dass es jetzt bitte nicht um Einzelheiten geht, sondern um Grundsatzfragen. „Ja, genau,” schneidet Porco ihm unverdrossen das Wort ab, „einen großen Esstisch, wollte ich sagen. Darauf kann man auch einmal einen schönen jungen Mann als Tafeldekoration festbinden, wissen Sie, so wie damals Dalí auf seiner nackten Gala ein kaltes Buffet angerichtet hatte. Meinen großen Landsmann Dalí und seine Gala kennen Sie doch?” Weegmann hat offenbar keine Ahnung, was Porco meint, und bohrt weiter: Dass man sich doch nur schwer vorstellen könne, dass ein Student das, was er in solchen Filmen für Geld tut, und das wir hier bitte nicht in Einzelheiten ausführen wollen, am liebsten ununterbrochen und überall täte, freiwillig und ohne Bezahlung? Ob er nicht nach einem normalen Privatleben verlangen würde? Nein, sagt Porco, und krault sich wieder die Brust. Natürlich würde er fleißig studieren und demnächst promovieren, auch würde er lange Stecken mit Freunden wandern und im Sportstudio trainieren, aber Männerkörper würden ihn ununterbrochen beschäftigen. Wirklich immer und überall? Weegmann begibt sich hier auf sehr dünnes Eis und merkt es nicht einmal. „Ja, immer. Ihnen würde ich jetzt viel lieber die Eier lecken, als hier rumzuquatschen. Davon hätten wir beide doch mehr.” Weegmann wird knallrot und fuchtelt; aber Porco lässt sich nicht unterbrechen. „Sie sind zwar nicht mehr jung, aber ich glaube, Ihre Eier lassen sich gut lecken. Die hängen doch sicher schön tief? Oder tragen sie etwa enge Unterhosen? Schauen sie mal, ich fühle mich in dieser lockeren Hose am wohlsten. Ohne was darunter. So etwas würde ihnen auch gut stehen. Man muss natürlich die Innentaschen herausschneiden. Und, wie gesagt, mit dem letzten Tropfen müssten Sie aufpassen. Aber auch Sie haben doch sicher vielseitige Assistenten.” Weegmann hat nun fast ganz die Fassung verloren und würgt das Gespräch mit ein paar gestammelten Dankworten ab. Zwei Assistenten führen Porco hinaus, und der zerrt seinen Kameramann mit. Ungewöhnlich. Normalerweise bleiben alle drei Gäste die ganze Zeit im Studio und kommen auch miteinander ins Gespräch.

Wegmanns nächster Gast ist ein polnischer Priester, der nur schlecht Deutsch spricht, was nichts macht, weil katholische Priester ja sowieso alles aus dem Messbuch ablesen. Er soll den Priestermangel in Berlin lindern und hat irgendetwas falsch verstanden. „Mit Ihnen Eier essen? Kenne Redensart nicht. Ostern?” Vorm Bildschirm im L♂ch Gelächter und gequältes Gestöhne. Der Barkeeper schaltet um auf den DVD-Spieler.

Seit dieser Sendung redet man natürlich in Berlin über Porco. Auch über Dr. Weegmann redet man, wenngleich eher spöttisch. Sobald sein Name fällt, beginnt irgendeiner von „tief hängen” oder so. Der Satz „Ihnen würde ich jetzt viel lieber die Eier lecken, als hier rumzuquatschen.” wird in gewissen Kreisen zum geflügelten Wort. Es passt ja auch meistens.