Leseprobe: die Mitwirkenden

 

Lebenswege

Es ist doch eine sehr gemischte Gesellschaft, die sich hier zusammengefunden hat. Ich bin der älteste, genieße mein Leben als freies Schwein, meinen Stall und die Stadt, bekomme ab und zu Lernschweine zugeführt, oder sie laufen mir zu, und das einzige, das ich noch nicht habe, ist der Entwurf für meine Ganzkörpertätowierung. Es hat lange gedauert, bis ich soweit war, aber wenn ein Schwein erst mal weiß, was es braucht, finden sich Wege und Gelegenheiten.

Drexau ist fast so alt wie ich. Er besitzt nichts, hat nichts zu sagen und lebt seit Jahren als Lustobjekt eines reichen Wissenschaftlers, weitgehend fremdbestimmt, wenn auch viel mündiger als dieser arme Soldat neulich im Schlamm. Eher wie ein Haustier, nicht wie eine Gehorchmaschine. Bei mir ist er nur vorübergehend, weil noch Scham abtrainiert werden muss. Er hat hier deutlich mehr Freiheit als bei seinem Besitzer, und mindestens einer von beiden wird sich noch wundern, wenn sie wieder zusammen leben.

Dann Porco, der Student, der schon länger versaute Fantasien hatte und auf Pisse kickte, der bis vor Kurzem noch wenig Erfahrung hatte, aber den Mut, aus dem Tierpark mit uns zu gehen. Er hätte nie daran gedacht, Schauspieler zu werden, wurde aber von einem Produzenten „entdeckt”, wie das heißt. Tausende träumen davon. Sein Leben hat sich in einem Schlag total geändert. Er hat seine Haut verkauft, aber wohl nicht zu seinem Schaden. Seine Karriere wird sicher anstrengend, aber wohl auch so aufregend und vielseitig, dass er nicht daran zerbrechen wird. Ich glaube, dass Dr. Brauksiepe seine Leute nicht verbrennt, sondern sich für jeden verantwortlich fühlt.

Rotz war schon ein freigekämpfter, schwuler Punker, als er uns zulief. Aber er ist jung und für seine eigenen Begriffe noch nicht versaut genug. Es hat ihn zu uns hingezogen, auch wenn er beim ersten Zusammensein fürchterliche Angst gehabt hatte. Bald aber hatte er herausgefunden, dass er von uns lernen kann, was er lernen will. Er findet es wirklich geil, wenn man ihm in die Fresse rotzt, er leckt und schnüffelt mit Erregung in Männerachseln und ist stolz, wenn andere sehen wie wenig Ekel er kennt. Er hat Abitur, wird vielleicht bald studieren, lebt aber derzeit ohne eigenes Geld in einer Punk-WG und immer öfter bei uns.

Ratte fühlte irgendwie schon immer, dass er schwul ist, fand aber den Ausweg aus der Grunewalder Villenkultur in die Szene nicht und konnte auch keinen schwulen Schulfreund entdecken. Vielleicht war das gut so, denn so konnte er unbeschadet zu einer starken Persönlichkeit reifen und neugierig bleiben. Der jämmerliche Eindruck bei unserem Kennenlernen in der S-Bahn täuschte. Ratte wird studieren und wohl zusammen mit seinem Rotz Karriere machen. Ich erwarte, dass sie ihre Gemeinsamkeit und ihre Verschiedenheit noch lange als Kraftquelle nutzen können.