Leseproben

 

Der Anfang: Aufzeichnungen im Tierpark

„Meine Damen und Herren, liebe Schüler! Wir betreten gerade (Ich sehe seinen Rücken in der Toröffnung. Das Publikum betritt noch gar nichts. Er wird erst einmal den Eingang versperren und reden.) den geheimnisumwitterten Teil unseres Freistaatlichen Zoologischen Gartens, den Minderjährige nur in Begleitung ihrer Religionslehrer besuchen dürfen, nachdem im Unterricht gut erklärt wurde, was einen hier erwartet. Ohne Vorbereitung wäre der Anblick zu schrecklich. (Man hört Huch und Hach aus Mädchenmund.) Ach so, bevor ich es vergesse, ich bin (Er sagt jeden Tag an dieser Stelle „Ach so, bevor ich es vergesse, ich bin…” Und gleich lässt er seinen Professorentitel weg und schiebt ihn dann doch noch nach.) Martin Grzimek. Eigentlich Prof. Dr. Martin Grzimek, aber Sie dürfen einfach Herr Grzimek sagen. (Gemurmel.) Mein Großonkel war auch Zoodirektor und Forscher. Schauen Sie mal bei Ihren Großeltern nach, da steht vielleicht Grzimeks Tierleben im Bücherregal. Wenn Ihre Eltern noch so einen altmodischen Berührglascomputer haben und eine Datenverbindung bezahlen können: man kann es sich herunterladen. Nicht kostenlos, mein Großonkel noch keine siebzig Jahre tot.

Also, gleich werden Sie hier den Homo Homosexualis sehen, eine Abart der Homo Sapiens, des Menschen wie du und ich. Wir Biologen unter uns nennen ihn auch das menschliche Schwein. Journalisten haben diese unwissenschaftliche Bezeichnung leider übernommen. Wir Wissenschaftler sollten vielleicht besser auf unsere Worte achten.

Ich möchte, bevor Sie hereinspazieren, noch einmal sagen, wie dankbar wir sein sollten, dass wir im Freistaat Bayern leben. Hier ist der von den irregeleiteten Sozial„demokraten” durchgesetzte „Ethik”-Unterricht (Er zeichnet wie immer die Gänsefüßchen mit zweimal zwei Fingern und einem angewiderten Gesicht in die Luft.) endlich wieder ersetzt durch verpflichteten Religionsunterricht. Wir haben die Gegensätze zwischen den Konfessionen ja überwunden, und alle Religionsgemeinschaften zusammen sagen uns, was gut und böse ist. Alle Eltern können sich frei entscheiden, ob sie ihre Kinder taufen oder beschneiden lassen, und von der Kinderkrippe an ist der meiste Religionsunterricht für alle gemeinsam. Darum können wir uns darauf konzentrieren, dass Homosexualität von allen Konfessionen verboten ist, weil Gott sie verboten hat. Nur, was es eigentlich genau ist, ist noch umstritten. Darum habe ich diesen Forschungsauftrag und die Mittel für das Gehege, das Sie nun betreten. Aber dass Gott da etwas verboten hat, ist über jeden Zweifel erhaben. Unser Freistaat und unsere Religionslehrer führen Gottes Willen aus. Darum auch die Todesstrafe. Es steht ja deutlich im Koran, im Alten Testament und im Talmud.

Aber unser Freistaat ist ein aufgeklärter Staat. Selbstverständlich führen wir die Todesstrafe nicht aus. Es ist viel wirksamer, sie als letztes Mittel zur Verfügung zu haben, als sie wirklich auszuführen. Die älteren unter Ihnen werden das auch im Wirtschaftsunterricht gelernt haben.

Aber es gibt auch ein modernes biologisches Argument, dem wir Wissenschaftler genauso verpflichtet sind, wie Gottes Wort. Seit der Jahrhundertwende hat die Biologie erkannt, dass Homosexualität erblich ist. Es geht also um eine Ab-art der Art Homo Sapiens. […] Wenn diese Veranlagung aber erblich ist, sind die Träger der entsprechenden Gene natürlich nicht verantwortlich für ihre widernatürlichen Triebe. (Irgendwie widerspricht er sich hier doch, oder können Gene widernatürlich sein?) Sie sind eben so. (Eben!) In anderen Staaten tötet man sie, wenn auch nicht in allen. In unserem nördlichen Nachbarland laufen sie sogar frei herum. (Hier lachen einige männliche Schüler. „Sau-Neupreußen.”) Hier sperren wir sie in den Zoo, damit wir sie erforschen können und junge Menschen wie Sie lernen, vorsichtig zu sein. Ich bin unserem Freistaat dankbar, dass ich über diese Abart forschen darf, verhaltenspsychologisch Experimente ausführen und wissenschaftliche Artikel schreiben.

Aber jetzt kommen Sie bitte herein. (Es geht wieder los. In unserem Gehege, unsichtbar für die Besucher, erleuchtet die Schrift: FICKEN! Die Pfleger in ihren Uniformen und Helmen kommen mit ihren elektrischen Stöcken auf uns zu. Der stärkste von uns, der Bär, wie wir ihn nennen, steht von seinem Lager auf, sucht sich einen von uns aus und vergewaltigt ihn. Wir anderen kopulieren freiwillig. Wenn wir es nicht täten, erhielten wir schmerzhafte elektrische Schläge.) Bitte schauen Sie sich die verschiedenen Unterabarten an. Da hinten sehen Sie Lederschweine. Die sind so veranlagt, dass sie immer schwarzes Rindsleder auf der Haut haben müssen. (Stimmt. Ich freue mich, dass ich meine Weste und meine Stiefel immer noch habe.) Mal mehr, mal weniger. Sie haben ihre Werkzeuge und machen sich selbst immer neue Kleidungsstücke oder Geschirre aus Lederabfällen. Was auffällt, ist, dass alles dazu dient, den Körper und die Geschlechtsorgane besonders hervorzuheben. Wenn diese Organe überhaupt bedeckt sind, kann man sie mit einem Handgriff freilegen. Die meisten hier sind aber Nacktschweine. Die brauchen kein Leder. Einige haben lange Haare oder sogar Bärte, einige, wir nennen sie Bären, sind auf dem ganzen Körper behaart. Aber die meisten sind kahl. Sie rasieren sich gegenseitig jeden Tag. Einige kann man, wie Sie sehen, mit alten Arbeitshosen beschäftigen. Sie streiten sich darum. Manche wollen ganz enge haben, manche so weite, dass sie ihnen bald herunterrutschen. Nach und nach franst alles aus und bekommt Löcher. (Ja, das habe ich immer geil gefunden, und viele andere hier finden es auch geil.) Manche waschen ihre Hosen im eigenen Trinkwasser, wie Sie dort sehen, andere kennen keinerlei Reinlichkeit. Das da hinten ist ein sogenannter Piercer. Der setzt sich selbst und seinen Abartgenossen zwanghaft eiserne Ringe in allerlei Körperteile, wenn er sie bekommen kann. Schauen Sie mal, der da hat Brustwarzenringe, die dort Nasenringe wie die Schweine in Neupreußen und Eichelringe. (Mädchen schreien iiih, Jungen bah!) Alle haben jedenfalls alle einen stark ausgeprägten Trieb, ihr sogenanntes Glied in allerlei Körperöffnungen eines anderen zu stecken. Solange man sie nicht festbindet, tun sie das Tag und Nacht. Sie springen auch ihre Pfleger an. Darum haben die elektrische Stöcke.

So, schauen Sie sich alles gut an. Sie dürfen sie füttern und bespucken. Wen sie ans Gitter kommen, dürfen Sie sie anfassen, aber nicht verletzen. Wer mutig ist, lässt sich von ihnen begrapschen, darf sich aber nicht wundern, wenn seine Hose geöffnet wird. Noch zehn Minuten, dann gehen Sie mit Ihren Lehrern ins Zoorestaurant. Danach dürfen die Volljährigen unter Ihnen wiederkommen. Ich hole Sie im Restaurant ab.”

[…] Eigentlich ist es nicht schlecht hier. Wir brauchen uns nicht zu verstecken, wir erhalten Futter, Leder und alte Jeans, wie man die Arbeitshosen in meiner Jugend nannte. Aber wir müssen auf Kommando ficken. Auch hinten rein. Das liegt mir nicht. Das passt nicht zu mir. Ein Männerknüppel ist doch für Männermäuler geschaffen. Da kommt auch was raus, was man schlucken kann. Ich will nicht in der Scheiße wühlen und weiß nicht, warum man mir hinten was reinstecken muss. Aber wir sind nun einmal so dressiert und werden bestraft, wenn wir es nicht machen. Weil die Leute glauben, dass es genau das ist, was uns von ihnen unterscheidet. Quatsch! Nur manche von uns machen es gerne. Der Bär zum Beispiel. Aber wir müssen hier bei Grzimek machen, was die Leute erwarten.

Davon abgesehen lässt es sich gut leben hier. Nur, immer die Angst. Eigentlich müssten wir ja getötet werden. Wir dürfen dankbar sein, dass wir hier im Zoo leben dürfen und gut versorgt werden. Wenn einer krank ist, kommt sogar ein Arzt.

Prof. Grzimek mag mich. Er findet mich interessant, weil ich schreiben kann. Das können lange nicht alle hier. Ich darf dieses Tagebuch führen. Nein, ich muss. Sonst komme ich weg, hat er mir gesagt. Ich will nicht wissen, wohin. […]

Tage später: Erinnerungen an die Heimat

In Neupreußen entwickelte sich die Lage ganz anders. Wir haben dabei kräftig mitgemischt, und das gute Vorbild unserer Dienstleistungsfirma hatte auch Einfluss auf die Meinungsbildung.

Man hatte sich sowieso wieder auf die preußischen Tugenden besonnen. Es waren ja gerade massenhaft Bücher über Friedrich den Großen erschienen, der vor dreihundertundwas Jahren geboren war. Kam alles wie gerufen. Toleranz, Fleiß, Sparsamkeit und so. Die Kirchen machten mit bei der Meinungsbildung, wurden auch gefördert, aber es wurde darauf geachtet, dass sie keine Macht bekommen. Angeblich hatte dieser Friedrich das vorgemacht. Natürlich gab es auch bei uns Leute, die vor jedem Kerl, der eventuell männergeil sein könnte, panische Angst hatten. Man schaute auch genau nach Amerika und nach Bayern-Sachsen. Wir haben es dann mit der Hilfe von vielen anderen geschafft, deutlich zu machen, dass das Problem nicht die Homosexuellen sind, sondern die Angst der Heteros, von denen begrapscht und vergewaltigt zu werden. Nun hat kaum ein Kerl jemals das Verlangen, einen Hetero zu vergewaltigen. Das macht doch keinen Spaß. Nur kann man sie manchmal nicht unterscheiden.

Professoren und Journalisten haben geholfen, diese Einsicht zu verbreiten. Manche evangelische Pastoren auch. Viele Lehrer haben das in den Schulen deutlich erklärt. Wir haben dann tatsächlich mitgeholfen, in Neupreußen ein Gesetz zustande zu kriegen, das in aller Welt bestaunt wird als ganz ungewöhnlich. Prof. Grzimek weiß bestimmt nicht, dass ich dabei beteiligt war, mit meinen frechen kritischen Bemerkungen und versauten Ideen.

Also. Jeder Mann kann sich völlig freiwillig entscheiden, sich einen Nasenring einsetzen zu lassen. Das Standardmodell ist robust, kostenlos und sieht sowieso geil aus. Männer ohne Nasenring dürfen von keinem anderen Mann, ob mit oder ohne Nasenring, angemacht oder gar befummelt werden. Darauf stehen schwere Strafen. Männer mit Nasenring sind für jeden anderen Mann, ob mit oder ohne, Freiwild. Sie können sich rechtlich nie beklagen, begrapscht oder gar vergewaltigt zu sein. Das gehört eben dazu. Wenn einer mit Nasenring nein sagt, meint er ja. Nur verletzen oder krank machen darf man sie natürlich nicht. Auf der Arbeit müssen beide Sorten Männer aber genau gleich behandelt werden. Diskriminierung verboten.

Als ich noch in Neupreußen war, hatten wir da sogar zwei Minister mit Nasenring. Geht prima.

Ich wollte ja, als ich sechzehn war, zu den Gay Skaters, weil ich davon so ne Sorte Leben erhoffte. Und in unserer Clique mit Jens, Rotz und allen war das ja auch so. Jeder durfte mit jedem, und das war gut so. Nur immer schade, dass sich oft ein saugeil aussehende Kerl in der S-Bahn nicht traute, was mit uns zu machen. Oder wir mit so einem. Weil man ja nie wissen konnte, ob man nicht zusammengeschlagen wird. Das ist jetzt alles kein Problem mehr. Ich hätte nie gedacht, dass ein Traum Gesetz werden kann. Und dabei ist es ein Gesetz, das nichts kostet und für alle Leute nur gut ist. Das Land ist viel geiler und entspannter geworden. Und alle Männer in Phallcs Firma haben seitdem natürlich Nasenringe und arbeiten noch besser, wenn das überhaupt geht.

In Berlin darf man sich inzwischen sogar an fast allen Orten gegenseitig was ins Maul stecken. Nur nicht in Kirchen, Schulen und so weiter und in bestimmten Wagen der Bahn, wo die Leute ihre Ruhe haben sollen. Kleine Kinder haben sich an den Anblick gewöhnt, und es gibt eigentlich nie Schwierigkeiten. Walter hat mal eine Studie machen lassen, mit dem Resultat, dass es viel weniger Probleme mit Sexualgesetzen gibt. Die Polizei hat Zeit, Wirtschaftsverbrecher zu fangen. Man bekommt seinen Nasenring aber erst mit achtzehn. Ich hatte meinen schon mit fünfzehn und fand das tierisch geil. Das würde jetzt nicht mehr gehen, weil so ein Ring wirklich etwas bedeutet. Es gibt natürlich Moden. Manche haben so ein fisseliges, dünnes Ringchen aus Silber, manche sogar mit einem Diamanten drin. Kerle wie wir haben einen schön dicken, großen aus Stahl. Natürlich nicht so groß, dass er im Weg ist, wenn man was in den Mund gesteckt bekommt. Sie müssen aber alle fest verschlossen sein. Mal mit, mal ohne wie bei Eheringen, das will die Staatsanwaltschaft nicht, wegen der Beweisbarkeit.

So ein Gesetz verhindert auch widerliche amerikanische Zustände. Ich war mal mit Phallc in Köln, in einem teuren Hotel, weil wir da keine Kumpels kannten. Wir duschten. Ich kam als erster aus der Dusche raus. Da standen drei Hotelarbeiter und wollten was reparieren. Hatten angeblich gedacht, das Zimmer wäre schon frei. Sobald sie meinen Nasenring sahen, legte mich der stärkste über einen Sessel und fickte meinen Arsch total rücksichtslos. Es ging so schnell, ich konnte nicht einmal sehen, ob die auch Ringe hatten. Schön war es nicht. Aber doch auch wieder geil. Als Phallc auch aus dem Badezimmer kam, schnappten sie sich den auch. Zusammen waren sie stärker als wir. Konnten wir eben nix machen. Man stelle sich vor, dass das in Amerika geschehen wäre und wir versucht hätten, sie anzuzeigen. Die hätten uns dann auch angezeigt, und armen Arbeitern glaubt man mehr als reichen Geschäftsleuten. Es hätte die ekelhaftesten Prozesse gegeben, Untersuchungsgefängnis, und am Ende wäre es auf nichts herausgelaufen. Nur die Anwälte hätten was davon gehabt. Hier bei uns war in zwanzig Minuten alles vorbei, und es hat niemandem geschadet, abgesehen vom Schreck. Aber Adrenalin hält wach.

Wir sind mächtig stolz in Neupreußen, dass wir so was Gutes hingekriegt haben. Die Skandinavier und Holländer haben es übernommen, die Hamburger dann auch. Erst waren die sich zu vornehm, um sowas zu brauchen, aber sie haben es eingesehen.

Wochen später: Der Zoologe bereitet Regierungsvertreter auf die Handhabung des neuen Gesetzes vor

„Meine Damen und Herren, unsere Forschungen haben eindeutig ergeben, dass Geschlechtsteile und After des Homo Manimalis immersichtbar sein sollten. Bei über zehn Grad Celsius ist das kein Problem. Derzeit untersuchen wir noch, was man am besten bei kalten Temperaturen macht. Dazu haben wir ja noch einige Monate Zeit.

Warum? Der Homo Manimalis hat vorn ein Organ, das seinen sexuellen Erregungszustand deutlich anzeigt. Menschen sollten das immer sehen können, um entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Bei Hunden achtet man ja auch darauf, ob sie knurren. Hier ist es einfacher zu verstehen und ganz leicht zu sehen. Herr Staatssekretär, dies hier ist eine wissenschaftliche Sitzung, und wir alle haben keine Vorurteile. Würden Sie vielleicht mitwirken bei einer kleinen Demonstration?”

Der Staatssekretär ist ein geiler Typ mit kurzen Haaren und Dreitagebart. Der Professor, erfahrener Verhaltensforscher, redet dem Jungschwein ein, „natürlich nur zur Demonstration und rein theoretisch,” dass dieser Mann es streicheln möchte. Er beschreibt gekonnt, beinahe hypnotisch, wo überall. Und siehe da, beim Jungschwein hebt sich was.

„Sehen Sie? Danke, Herr Staatssekretär. (Der setzt sich schnell wieder hin. Ich konnte leider nicht erkennen, ob in seiner Hose auch etwas vorging.) So, und wenn so ein Schwein erregt ist, ist es in aller Interesse, dass es schnell ein Objekt seiner Begierde erreichen kann. (Er zeigt auf mich.) Los, abficken! (Das Jungschwein ist jetzt so aufgegeilt, dass es mich tatsächlich bespringt. Ich lasse es geschehen. Danach brauche ich aber dessen Schädel, um auch runterzukommen.) Sehen Sie?! Keine Scham. Tiere eben. An den Anblick werden wir uns gewöhnen. Der wirtschaftliche Nutzen wird beträchtlich sein und der ethische Fortschritt bedeutend.