Rezension

 

Rezension von H. T. am 13. 7. 2012

Im Kern ist Die artgerechte Haltung des Homo manimalis eine Geschichte über die Freiheit, garniert mit einer ordentlichen Prise Schwulensex. Die Handlung umrahmt eine alternative, fiktive Gesellschaftsrealität, in der schwule Sexualität mal öffentlich gelebt, mal öffentlich unterdrückt wird.

Deutschland ist wieder geteilt, diesmal zwischen Nord und Süd, Preußen und Bayern. Die artgerechte Haltung des Homo manimalis spielt zum größten Teil im südlichen Freistaat, wo Schwule nicht als Menschen gelten, sondern als Tiere. Daraus leiten sie aber auch die Freiheit ab, sich außerhalb der Normen der Normalgesellschaft zu bewegen.  Der Protagonist ist einer dieser schwulen Männer, die die Klassifizierung als Tier gerne annehmen und sich stolz „das Ferkel“ nennen lässt. Er lebt in einem bayrischen Zoo, wo die „Schweine“ – so bezeichnen sich die Schwulen selbst – zur allgemeinen Besichtigung und zur wissenschaftlichen Untersuchung gehalten werden.

In Tagebucheinträgen erzählt das Ferkel vom Alltag im Zoo, der geprägt ist von Sex. Wer sich hier die Butter nicht vom Brot nehmen lässt, bekommt Schwierigkeiten in einer Gruppe, die sich – ganz wie im Tierreich – nach der Stärke der Einzelnen sortiert, vom Alpha-Männchen bis zum Neuankömmling. Das Leben im Zoo folgt einer Ordnung, in der sich Dominanz und Unterwürfigkeit ganz natürlich herausbilden und die sich auf die Erfüllung sexueller Bedürfnisse konzentriert.

Diese Zoo-Gemeinschaft wird bewusst als Gegensatz zur sexuell verklemmten (bayrischen) Welt außerhalb der Käfigstäbe konstruiert, die der Leser durch die Tagebucheinträge des Ferkels erst allmählich kennenlernt. Aus der Innensicht des Ferkels muss sich der Leser erschließen, dass die hemmungslose schwule Erfahrungswelt und die verklemmte Außenwelt sich so weit auseinander entwickelt haben, dass sie letztlich nicht mehr auf der gleichen gesellschaftlichen Grundlage beruhen.

Mit seiner Geschichte nimmt der Autor Jens von Nimwegen pointiert die Auseinandersetzung unserer Gesellschaft mit schwuler Sexualität auf. Die Ausgrenzung von Schwulen wird auf die Spitze getrieben, was dem Leser die Möglichkeit eröffnet, einen Blick aus der Perspektive des Ausgegrenzten zu werfen – und festzustellen, dass aus dieser Sicht die Ausgrenzung auch befreien kann.

Neben der Selbstverständlichkeit schwuler Sexualität ist dies das eigentliche Thema von Die artgerechte Haltung des Homo manimalis: Freiheit und was Freiheit bedeuten kann. Während die Schwulen in Bayern ihre Ausgrenzung als Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft verstehen und nutzen, ist das öffentliche Ausleben von Sexualität im fiktiven Zukunfts-Preußen klar geregelt. Jeder darf sich seine Freiheiten nehmen, Tabus gibt es keine mehr, Sex ist ein Opt-Out-Verfahren – das Einverständnis des anderen immer vorausgesetzt.

Es sind zwei verschiedene Formen von Freiheit, die der Autor hier gegeneinander stellt: Die Befreiung von Regeln durch den Ausschluss aus dem normativen Gesellschaftsentwurf und die Enttabuisierung von Sexualität innerhalb der normativen Gesellschaft. In beiden Fällen wird dem freien Willen Raum gegeben, nur eben innerhalb oder außerhalb der bestehenden Ordnung. Leider wird dieser Gegensatz erst zum Ende des Buches hin deutlich. Bis dahin fesselt vor allem die Darstellung des schweinischen Sex im bayrischen Zoogehege das Interesse des Lesers. Wer sich allerdings noch nie Gedanken über Dominanz und Unterwürfigkeit gemacht hat, ist bei Die artgerechte Haltung des Homo manimalis falsch aufgehoben.

Die Rückblenden des Ferkels auf die Entdeckung seiner eigenen Sexualität ergänzen die Geschichte um eine weitere Ebene. Der Leser kann darin ein persönliches Verhältnis zu Dominanz, Unterwürfigkeit und Freiheit durch selbstbestimmte Unmündigkeit entdecken. Hier hätte allerdings eine stärkere Konzentration auf entweder den Gesellschaftsentwurf oder die individuelle Erfahrung die Erzählung etwas straffen können.

Die Mischung aus Sex, Einzelerinnerung und Gesellschaftsstudie fordert einen aufmerksamen Leser, der sich von den deutlichen Schilderungen nicht völlig ablenken lässt. Wer auf die philosophischen Gedanken aber verzichten möchte, findet immerhin deftige Sexszenen, die auch für sich genommen lustvoll zu lesen sind.

 

  3 Responses to “Rezension”

  1. Was meinen Sie unter 1 alternativ u. 2 artgerecht ?

    JvN: ad 1:
    alternativ: eine andere Möglichkeit, wie es sein könnte.
    artgerecht: Das ist ein wissenschaftlicher Fachausdruck den z.B. Zoo-Direktoren verwenden. Man kann Tiere artgerecht halten, dann leben sie fast so, wie in der Natur. Wie es ihrer Art entspricht. Auch französische Zoo-Direktoren müssen so einen Ausdruck haben.

    „Schweine“ könnte man allgemein durch den verbreiteten Anglizismus „pigs“ , üblich bei den franz. Gays wie Bär/ bear ausdrücken.

    JvN: Ich bin dagegen. Es geht überhaupt nicht darum, wie Amerikaner in der Szene etwas nennen. Die Männer in dem Buch, jedenfalls manche von ihnen, nennen sich Schweine, weil es ihnen so gefällt, nicht, weil sie einer Szene angehören. Die Zoologen haben diesen Ausdruck informell, unter sich, übernommen. Manchmal nennt man ja Tiere informell nach einer anderen Tierart.

    Die Übersetzung „porcelet“ für Ferkel klingt zu wissenschaftlich-landwirtschaftlich. Ich schlage vor“ petit cochon“ petit Im Sinne von „jung“ nicht „klein“ u. cochon wird durch die offizielle Gay Bezeichnung ersetzt, da es sich um einen umgangssprachlichen Namen handelt, wird er so geschrieben: p’tit pig. Dazu kommt noch die familienhafte u. nette Alliteration auf P.

    JvN: Ich weiß nicht, was cochon bedeutet. Und ich bin gegen pig.

    Weiter unten verwendest du P’tit porc.

    Man kann das Problem vielleicht auch ganz anders lösen, aber das kann ich nicht entscheiden.

     

     

  2. Zuerst einenTippfehler in der dt. Fassung: „beunruhigende und erst zu nehmende SM-Literatur “ erst ist als “ ernst “ zu verstehen.
    Zu der Übersetzung von Schwein u. Ferkel habe ich meine Meinung geändert: ich schlage vor: „lope“ u. die Diminutivform „lopette“
    1. das ist kein Anglizismus , aber ein altes wort , s. Wörterbuch
    2. gehört der franz. Tradition der Homosexualität
    3. Kann als Anrede ohne Artikel gebraucht werden
    4. wirkt geil bei dem franz. Homoleser, der sich mit dem extremen passiven u. unterwürfigen Charakter der Lope identifizieren kann. Eine (weibliches Wesen) Lope ist wie ich spontan daran gewöhnt, Stiefel zu lecken, dem Herrn einem zu blasen, die Peitsche zu ertragen ohne zu schreien, … die Lopette ist auf dem Weg zur lope,muss abgerichtet werden u. sich daran gewöhnen gepeitscht zu werden , nur weil der Herr es will. Es ist allgemein ein junger Mann , echt schön wie eine griechische Bildhauerei in einem Vater/ Sohn Verhältnis oder eine ältere Person, die abgerichtet werden will u. muss u. verschiedenen Etappen, Meilensteine im Wege zum echten SM- Verhältnis überwinden muss.

    • A. Das funktioniert ja gut hier mit den Kommentaren. Ich werde diesen Diskussionspunkt aber demnächst an eine andere Stelle verlagern. Ich hätte nicht an diesem Ort beginnen sollen. Jedenfalls bin ich froh, dass nun Ordnung entsteht statt all dieser e_mails.

      B. Ich sehe, dass du dich immer wieder einlogst. Wenn man im Login-Fenster das Kästchen ankreuzt, ist das nicht mehr nötig.

      C. Was du über lope schreibst, klingt überzeugend. Ich kann es selbst nicht beurteilen. Aber mach so weiter, und dann fragen wir ein paar Leser. Wenn das Wort für dich funktioniert, hilft es beim Übersetzen.