Neupreußen und Hamburg

 

Im anderen Teil Deutschlands hat man nach dem Großen Zusammenbruch eine andere Weise gefunden, mit Homosexuellen und Homosexualität umzugehen.

In Neupreußen entwickelte sich die Lage ganz anders. Wir haben dabei kräftig mitgemischt, und das gute Vorbild unserer Dienstleistungsfirma hatte auch Einfluss auf die Meinungsbildung.

Man hatte sich sowieso wieder auf die preußischen Tugenden besonnen. Es waren ja gerade massenhaft Bücher über Friedrich den Großen erschienen, der vor dreihundertundwas Jahren geboren war. Kam alles wie gerufen. Toleranz, Fleiß, Sparsamkeit und so. Die Kirchen machten mit bei der Meinungsbildung, wurden auch gefördert, aber es wurde darauf geachtet, dass sie keine Macht bekommen. Angeblich hatte dieser Friedrich das vorgemacht. Natürlich gab es auch bei uns Leute, die vor jedem Kerl, der eventuell männergeil sein könnte, panische Angst hatten. Man schaute auch genau nach Amerika und nach Bayern-Sachsen. Wir haben es dann mit der Hilfe von vielen anderen geschafft, deutlich zu machen, dass das Problem nicht die Homosexuellen sind, sondern die Angst der Heteros, von denen begrapscht und vergewaltigt zu werden. Nun hat kaum ein Kerl jemals das Verlangen, einen Hetero zu vergewaltigen. Das macht doch keinen Spaß. Nur kann man sie manchmal nicht unterscheiden.

Professoren und Journalisten haben geholfen, diese Einsicht zu verbreiten. Manche evangelische Pastoren auch. Viele Lehrer haben das in den Schulen deutlich erklärt. Wir haben dann tatsächlich mitgeholfen, in Neupreußen ein Gesetz zustande zu kriegen, das in aller Welt bestaunt wird als ganz ungewöhnlich. Prof. Grzimek weiß bestimmt nicht, dass ich dabei beteiligt war, mit meinen frechen kritischen Bemerkungen und versauten Ideen.

Also. Jeder Mann kann sich völlig freiwillig entscheiden, sich einen Nasenring einsetzen zu lassen. Das Standardmodell ist robust, kostenlos und sieht sowieso geil aus. Männer ohne Nasenring dürfen von keinem anderen Mann, ob mit oder ohne Nasenring, angemacht oder gar befummelt werden. Darauf stehen schwere Strafen. Männer mit Nasenring sind für jeden anderen Mann, ob mit oder ohne, Freiwild. Sie können sich rechtlich nie beklagen, begrapscht oder gar vergewaltigt zu sein. Das gehört eben dazu. Wenn einer mit Nasenring nein sagt, meint er ja. Nur verletzen oder krank machen darf man sie natürlich nicht. Auf der Arbeit müssen beide Sorten Männer aber genau gleich behandelt werden. Diskriminierung verboten.

Als ich noch in Neupreußen war, hatten wir da sogar zwei Minister mit Nasenring. Geht prima.

Ich wollte ja, als ich sechzehn war, zu den Gay Skaters, weil ich davon so ne Sorte Leben erhoffte. Und in unserer Clique mit Jens, Rotz und allen war das ja auch so. Jeder durfte mit jedem, und das war gut so. Nur immer schade, dass sich oft ein saugeil aussehende Kerl in der S-Bahn nicht traute, was mit uns zu machen. Oder wir mit so einem. Weil man ja nie wissen konnte, ob man nicht zusammengeschlagen wird. Das ist jetzt alles kein Problem mehr. Ich hätte nie gedacht, dass ein Traum Gesetz werden kann. Und dabei ist es ein Gesetz, das nichts kostet und für alle Leute nur gut ist. Das Land ist viel geiler und entspannter geworden. Und alle Männer in Phallcs Firma haben seitdem natürlich Nasenringe und arbeiten noch besser, wenn das überhaupt geht.

In Berlin darf man sich inzwischen sogar an fast allen Orten gegenseitig was ins Maul stecken. Nur nicht in Kirchen, Schulen und so weiter und in bestimmten Wagen der Bahn, wo die Leute ihre Ruhe haben sollen. Kleine Kinder haben sich an den Anblick gewöhnt, und es gibt eigentlich nie Schwierigkeiten. Walter hat mal eine Studie machen lassen, mit dem Resultat, dass es viel weniger Probleme mit Sexualgesetzen gibt. Die Polizei hat Zeit, Wirtschaftsverbrecher zu fangen. Man bekommt seinen Nasenring aber erst mit achtzehn. Ich hatte meinen schon mit fünfzehn und fand das tierisch geil. Das würde jetzt nicht mehr gehen, weil so ein Ring wirklich etwas bedeutet. Es gibt natürlich Moden. Manche haben so ein fisseliges, dünnes Ringchen aus Silber, manche sogar mit einem Diamanten drin. Kerle wie wir haben einen schön dicken, großen aus Stahl. Natürlich nicht so groß, dass er im Weg ist, wenn man was in den Mund gesteckt bekommt. Sie müssen aber alle fest verschlossen sein. Mal mit, mal ohne wie bei Eheringen, das will die Staatsanwaltschaft nicht, wegen der Beweisbarkeit.

So ein Gesetz verhindert auch widerliche amerikanische Zustände. Ich war mal mit Phallc in Köln, in einem teuren Hotel, weil wir da keine Kumpels kannten. Wir duschten. Ich kam als erster aus der Dusche raus. Da standen drei Hotelarbeiter und wollten was reparieren. Hatten angeblich gedacht, das Zimmer wäre schon frei. Sobald sie meinen Nasenring sahen, legte mich der stärkste über einen Sessel und fickte meinen Arsch total rücksichtslos. Es ging so schnell, ich konnte nicht einmal sehen, ob die auch Ringe hatten. Schön war es nicht. Aber doch auch wieder geil. Als Phallc auch aus dem Badezimmer kam, schnappten sie sich den auch. Zusammen waren sie stärker als wir. Konnten wir eben nix machen. Man stelle sich vor, dass das in Amerika geschehen wäre und wir versucht hätten, sie anzuzeigen. Die hätten uns dann auch angezeigt, und armen Arbeitern glaubt man mehr als reichen Geschäftsleuten. Es hätte die ekelhaftesten Prozesse gegeben, Untersuchungsgefängnis, und am Ende wäre es auf nichts herausgelaufen. Nur die Anwälte hätten was davon gehabt. Hier bei uns war in zwanzig Minuten alles vorbei, und es hat niemandem geschadet, abgesehen vom Schreck. Aber Adrenalin hält wach.

Wir sind mächtig stolz in Neupreußen, dass wir so was Gutes hingekriegt haben. Die Skandinavier und Holländer haben es übernommen, die Hamburger dann auch. Erst waren die sich zu vornehm, um sowas zu brauchen, aber sie haben es eingesehen.

© Jens van Nimwegen, Nijmegen 2014