Leviticus

 

Phallc erklärt dem fundamentalistischen Vater seines Lovers die Bibel.

Beim zweiten und letzten Besuch bei meinem Vater kam Phallc mit. Wir waren angezogen wie immer, Lederweste auf der bloßen Haut und so weiter. Diesmal musste mein Vater uns vom Bahnhof abholen. Er hat ziemlich gut versucht, sich zu beherrschen. Wir saßen auf der Couch und bekamen so einen furchtbaren Gesundheitstee und Kuchen. Phallc verlangte einfach Kaffee und bekam ihn auch. Mein Vater versuchte sich vorsichtig anzuschleichen an seine Wünsche. Phallc bestimmte aber die Richtung des Gespräches. Da sei kein Handlungsbedarf. Ich sei sein Angestellter und Lover und hätte zu tun, was er sagt. Und ob er, also mein Vater, überhaupt einen Zaun auf dem Dach hätte? Das wäre doch Gottes Wille, stünde in Leviticus soundsoviel. Und warum seine Frau eigentlich nicht gesteinigt würde? Phallc kannte ziemlich viele Bibelstellen, an die sich heute kein Mensch mehr hält, obwohl Gott es doch klar und deutlich vorschreibt. Danach verwickelte er meinen Vater in Widersprüche, was denn da eigentlich genau verboten wäre, in den Stellen, auf die mein Vater sich immer beruft. Das Wort Homosexualität käme, soweit er weiß, doch im Hebräischen gar nicht vor. Ich wusste gar nicht, dass er so gut Bescheid wusste. Aber darum hänge ich ja so an ihm: er weiß immer, wo es für uns gemeinsam lang geht. Eine Bibel wurde geholt. Andere, in Deutsch und Englisch, wurden auf dem Internet aufgesucht. Diese bewusste Stelle war in jeder Übersetzung total undeutlich, aber auch immer wieder anders übersetzt. Ein Mann, aber welcher, darf offenbar nicht mit einem Knaben oder einem Mann im Bett liegen wie derselbe oder ein anderer Mann oder alle Männer mit seiner, ihrer oder einer anderen Frau, je nach Übersetzung. Wir hätten doch gar keine Frau, und ein richtiges Bett eigentlich auch nicht. Am Ende war mein Vater ganz nervös und durcheinander. Ja aber, stammel stammel.

© Jens van Nimwegen, Nijmegen 2014