Der Anfang

 

Die ersten Seiten des Tagebuches, geschrieben 2034 in Hellabrunn

„Meine Damen und Herren, liebe Schüler! Wir betreten gerade (Ich sehe seinen Rücken in der Toröffnung. Das Publikum betritt noch gar nichts. Er wird erst einmal den Eingang versperren und reden.) den geheimnisumwitterten Teil unseres Freistaatlichen Zoologischen Gartens, den Minderjährige nur in Begleitung ihrer Religionslehrer besuchen dürfen, nachdem im Unterricht gut erklärt wurde, was einen hier erwartet. Ohne Vorbereitung wäre der Anblick zu schrecklich. (Man hört Huch und Hach aus Mädchenmund.) Ach so, bevor ich es vergesse, ich bin (Er sagt jeden Tag an dieser Stelle „Ach so, bevor ich es vergesse, ich bin…” Und gleich lässt er seinen Professorentitel weg und schiebt ihn dann doch noch nach.) Martin Grzimek. Eigentlich Prof. Dr. Martin Grzimek, aber Sie dürfen einfach Herr Grzimek sagen. (Gemurmel.) Mein Großonkel war auch Zoodirektor und Forscher. Schauen Sie mal bei Ihren Großeltern nach, da steht vielleicht Grzimeks Tierleben im Bücherregal. Wenn Ihre Eltern noch so einen altmodischen Berührglascomputer haben und eine Datenverbindung bezahlen können: man kann es sich herunterladen. Nicht kostenlos, mein Großonkel ist noch keine siebzig Jahre tot.

Also, gleich werden Sie hier den Homo homosexualis sehen, eine Abart der Homo Sapiens, des Menschen wie du und ich. Wir Biologen unter uns nennen ihn auch das menschliche Schwein. Journalisten haben diese unwissenschaftliche Bezeichnung leider übernommen. Wir Wissenschaftler sollten vielleicht besser auf unsere Worte achten.

Ich möchte, bevor Sie hereinspazieren, noch einmal sagen, wie dankbar wir sein sollten, dass wir im Freistaat Bayern leben. Hier ist der von den irregeleiteten Sozial„demokraten” durchgesetzte „Ethik”-Unterricht (Er zeichnet wie immer die Gänsefüßchen mit zweimal zwei Fingern und einem angewiderten Gesicht in die Luft.) endlich wieder ersetzt durch verpflichteten Religionsunterricht. Wir haben die Gegensätze zwischen den Konfessionen ja überwunden, und alle Religionsgemeinschaften zusammen sagen uns, was gut und böse ist. Alle Eltern können sich frei entscheiden, ob sie ihre Kinder taufen oder beschneiden lassen, und von der Kinderkrippe an ist der meiste Religionsunterricht für alle gemeinsam. Darum können wir uns darauf konzentrieren, dass Homosexualität von allen Konfessionen verboten ist, weil Gott sie verboten hat. Nur, was es eigentlich genau ist, ist noch umstritten. Darum habe ich diesen Forschungsauftrag und die Mittel für das Gehege, das Sie nun betreten. Aber dass Gott da etwas verboten hat, ist über jeden Zweifel erhaben. Unser Freistaat und unsere Religionslehrer führen Gottes Willen aus. Darum auch die Todesstrafe. Es steht ja deutlich im Koran, im Alten Testament und im Talmud.

Aber unser Freistaat ist ein aufgeklärter Staat. Selbstverständlich führen wir die Todesstrafe nicht aus. Es ist viel wirksamer, sie als letztes Mittel zur Verfügung zu haben, als sie wirklich auszuführen. Die älteren unter Ihnen werden das auch im Wirtschaftsunterricht gelernt haben.

Aber es gibt auch ein modernes biologisches Argument, dem wir Wissenschaftler genauso verpflichtet sind, wie Gottes Wort. Seit der Jahrhundertwende hat die Biologie erkannt, dass Homosexualität erblich ist. Es geht also um eine Ab-Art der Art Homo Sapiens. (Hier meldet sich ein Mädchen. „Ja bitte?” – „Wie kann sowas denn erblich sein, wenn die keine Kinder kriegen.”) Diese junge Dame ist doch in der Oberstufe. Ist ihr Biologielehrer hier anwesend? – Ach, Sie, Danke. Haben Sie das denn nicht im Unterricht erklärt, das Vererbung komplexer ist als manche einfältigen Gemüter sich vorstellen? — Doch. Ich hatte es nicht anders erwartet. Werden Sie die junge Dame bestrafen wegen Verunglimpfung eines Fachpädagogen? (Der Lehrer ruft den Präfekten auf, einen Jungen im selben Alter. Der soll drei schulöffentliche Rutenschläge notieren und tut das.) Sehen Sie? Wer nicht hören will, muss fühlen, wie auch jeder Zoologe, Bauer und Dompteur weiß. (Die haben also hier die Prügelstrafe an Schulen. Ich muss mal herausbekommen, wie das geht. Es klingt anders als das, was wir in unserer Firma haben.)

Wenn diese Veranlagung aber erblich ist, sind die Träger der entsprechenden Gene natürlich nicht verantwortlich für ihre widernatürlichen Triebe. (Irgendwie widerspricht er sich hier doch, oder können Gene widernatürlich sein?) Sie sind eben so. (Eben!) In anderen Staaten tötet man sie, wenn auch nicht in allen. In unserem nördlichen Nachbarland laufen sie sogar frei herum. (Hier lachen einige männliche Schüler. „Sau-Neupreußen.”) Hier sperren wir sie in den Zoo, damit wir sie erforschen können und junge Menschen wie Sie lernen, vorsichtig zu sein. Ich bin unserem Freistaat dankbar, dass ich über diese Abart forschen darf, verhaltenspsychologisch Experimente ausführen und wissenschaftliche Artikel schreiben.

Aber jetzt kommen Sie bitte herein. (Es geht wieder los. In unserem Gehege, unsichtbar für die Besucher, erleuchtet die Schrift: FICKEN! Die Pfleger in ihren Uniformen und Helmen kommen mit ihren elektrischen Stöcken auf uns zu. Der stärkste von uns, der Bär, wie wir ihn nennen, steht von seinem Lager auf, sucht sich einen von uns aus und vergewaltigt ihn. Wir anderen kopulieren freiwillig. Wenn wir es nicht täten, erhielten wir schmerzhafte elektrische Schläge.) Bitte schauen Sie sich die verschiedenen Unterabarten an. Da hinten sehen Sie Lederschweine. Die sind so veranlagt, dass sie immer schwarzes Rindsleder auf der Haut haben müssen. (Stimmt. Ich freue mich, dass ich meine Weste und meine Stiefel immer noch habe.) Mal mehr, mal weniger. Sie haben ihre Werkzeuge und machen sich selbst immer neue Kleidungsstücke oder Geschirre aus Lederabfällen. Was auffällt, ist, dass alles dazu dient, den Körper und die Geschlechtsorgane besonders hervorzuheben. Wenn diese Organe überhaupt bedeckt sind, kann man sie mit einem Handgriff freilegen. Die meisten hier sind aber Nacktschweine. Die brauchen kein Leder. Einige haben lange Haare oder sogar Bärte, einige, wir nennen sie Bären, sind auf dem ganzen Körper behaart. Aber die meisten sind kahl. Sie rasieren sich gegenseitig jeden Tag. Einige kann man, wie Sie sehen, mit alten Arbeitshosen beschäftigen. Sie streiten sich darum. Manche wollen ganz enge haben, manche so weite, dass sie ihnen bald herunterrutschen. Nach und nach franst alles aus und bekommt Löcher. (Ja, das habe ich immer geil gefunden, und viele andere hier finden es auch geil.) Manche waschen ihre Hosen im eigenen Trinkwasser, wie Sie dort sehen, andere kennen keinerlei Reinlichkeit. Das da hinten ist ein sogenannter Piercer. Der setzt sich selbst und seinen Abartgenossen zwanghaft eiserne Ringe in allerlei Körperteile, wenn er sie bekommen kann. Schauen Sie mal, der da hat Brustwarzenringe, die dort Nasenringe wie die Schweine in Neupreußen und Eichelringe. (Mädchen schreien iiih, Jungen bah!) Alle haben jedenfalls alle einen stark ausgeprägten Trieb, ihr sogenanntes Glied in allerlei Körperöffnungen eines anderen zu stecken. Solange man sie nicht festbindet, tun sie das Tag und Nacht. Sie springen auch ihre Pfleger an. Darum haben die elektrische Stöcke.

So, schauen Sie sich alles gut an. Sie dürfen sie füttern und bespucken. Wen sie ans Gitter kommen, dürfen Sie sie anfassen, aber nicht verletzen. Wer mutig ist, lässt sich von ihnen begrapschen, darf sich aber nicht wundern, wenn seine Hose geöffnet wird. Noch zehn Minuten, dann gehen Sie mit Ihren Lehrern ins Zoorestaurant. Danach dürfen die Volljährigen unter Ihnen wiederkommen. Ich hole Sie im Restaurant ab.”

Was sie nicht wissen, ist, dass wir einen Deal mit Prof. Grzimek haben. Wenn wir einen begrapschen und schaffen, ihn steif zu machen, wird er getestet. Und wenn der Test positiv ist, kommt er nicht irgendwo anders hin, sondern zu uns. Das ist uns noch nie gelungen. Aber es macht Spaß. Es ist wie jagen, meint Grzimek, und das passt zu uns.

Ein junger Mann traut sich ans Gitter. Mädchen ermutigen ihn mit Zurufen. Ich gehe hin, schaue ihm in die Augen und versuche, seine Hose zu öffnen. Mehr Arme kommen neben mir durch das Gitter und versuchen zu helfen. Er wird knallrot und springt weg.

© Jens van Nimwegen, Nijmegen 2014