Bayern-Sachsen im geteilten Deutschland

 

skyline2_lIn Bayern-Sachsen werden um 2034 Homosexuelle im Zoo ausgestellt, wo dieses Tagebuch geschrieben wird.

Nach einigen Tagen wird ein Stricher, der in der Münchener Vorstadt lebte, aufgegriffen und der Rotte im Gehege zugefügt.

Der Stricher hat mir viel erzählt. Das gibt aber mehr Sinn, wenn ich erst weiterschreibe, wie es mit Deutschland ging. Ich habe ihn jedenfalls gefüttert und die anderen ein wenig von ihm ferngehalten, und er wurde zutraulich.

Hamburg ist also inzwischen eine Freie und Hansestadt im neuen Kaiserreich. Wenn man da ist, merkt man nicht, dass sich viel geändert hat. Aber die Hanseaten wollten nix mehr zu tun haben mit dieser ewigen Merkel.

Diese komischen Freistaaten im Süden von Deutschland konnten sich mit dem Rest nicht einigen über bestimmte Punkte. Zum Beispiel darüber, ob es Homosexuelle geben darf. Was eine blödsinnige Frage, aber die glauben da, also hier, wo ich jetzt bin, dass der Staat da was machen kann und muss. Darum sind wir ja jetzt hier im Zoo. Außerdem hatte die hier alle damals schon einen Bibelfimmel und ein paar durchgeknallte Bischöfe. In Berlin wurden die immer mit Eiern beworfen, wenn sie sich wieder mal zur Bischofskonferenz versammelten.

Ich vertraue Prof. Grzimek. Ich schreibe es einfach auf, wie ich es sehe. Er wird mir schon keinen Strick daraus drehen. Also, dass die hier unten alle nicht richtig ticken, wissen wir ja seit diesem Getue und Gemache um die abgeschriebene Doktorarbeit. Dieser Baron war ja schnell wieder da. Übrigens hat der Vater von Ratte uns erzählt, dass sich im Grunde seit einem gewissen Franz-Josef Strauß nichts geändert hat. Total andere Art zu denken als im Norden. Wenn man das Denken nennen kann. Hat ja mehr mit Maßkrügen und Lederhosen zu tun. Und man denke nicht, dass diese Lederhosen hier irgendwie geil sind. Viel zu hoch an der Hüfte. Na ja, sie müssen ja über diese Bierbäuche passen. Und blöde Farben und überall Schnörkel. Nee, dann ist das selbstgenähte Zeug von den Ledermännern hier im Gehege doch viel geiler. Und Phallcs Hose mal erst. Er wird die doch wohl noch tragen? Ach, mein Phallc…

Man konnte sich total nicht mehr einigen, was Demokratie ist, welche Rolle die Kirchen haben sollen. Im Grundgesetz steht ja nicht, dass die die Macht im Staat kriegen sollen. Auch wirtschaftlich konnte man sich nicht einigen, und es gab immer mehr Streit um Abiturnoten und Universitäten.

Also: Teilung. Bayern-Sachsen und Neupreußen. Und Hamburg eben. Für uns im Norden wurde nun alles viel einfacher.

Der Stricher war in der Zeit noch jung. Ging auf eine höhere Schule. Er sagte, es ging dann ganz schnell: die Kirchen schlossen sich mit den Moslems und Juden zusammen, weil sie ihre Chance witterten. Auf einmal war multikonfessioneller Religionsunterricht vorgeschrieben. Zehn Stunden pro Woche. Dafür wurden die natürlich bezahlt. Die CSU hat sich aufgehoben, weil sie mit dem Religionsrat verschmelzen konnte. Es ist hier noch eine Republik, aber die sind dabei, einen Wittelsbacher zurück zu holen auf den Thron. Der Thron ist ja noch da. Der muss dann immer hin und her zwischen München und Dresden. Der Kini, wie sie ihn nennen, nicht der Thron. Wie in diesem alten Film von Visconti, den Rattes Vater noch hatte. Obwohl, nee, so einen Kini hätten die ja hier in den Zoo stecken müssen.

Weil: eigentlich Todesstrafe für das, was dann auch noch so schrecklich ist, dass man nicht darüber spricht. Der Stricher hat, als er noch auf der Schule war, nichts über das Leben gelernt. Ihm ist nur mal aufgefallen, dass sich ziemlich junge Jungens am Bahnhof irgendwie Geld verdienen. Und er fand Klassenkameraden immer geiler als Mädchen, wusste aber gar nicht, was mit ihm los ist, und was das alles bedeutet. Jedenfalls hat er sich, ohne sich selbst zu verstehen, immer engere Jeans und immer kürzere T-Shirts angezogen. Und kernige Stiefel. Weil es ihn kribbelte, wenn er das bei Gleichaltrigen so sah.

Einmal beim Sport hing einem Mitschüler der Sack aus der Hose, und bei dem Anblick hat er einen Steifen gekriegt. Als der Sportlehrer das sah, war der Teufel los.

Ja, und dann hatte sein Vater die Arbeit und das Haus verloren, und sie mussten in die Vorstadt.

Das ist anscheinend gar keine Vorstadt, sondern ein riesiges Gelände mit alten Wohnwagen und selbstgebastelten Buden. Die Stadt hat da sehr primitive Duschen und Klos aufgebaut, und im Winter gibt es irgendwelche Industrieabfälle, mit denen man heizen kann. Alle 50 Meter ist auch ein Wasserhahn. Die da leben, haben alle keine Papiere und keine Versicherung. Viele arbeiten schwarz in der Stadt, und jeder tut so, als ob man das nicht sieht. Schulen gibt es da nicht. Das ist alles hinter ner hohen Mauer, damit man es von der Stadt aus nicht sieht. Die sind da aber nicht eingesperrt, denn man braucht sie zum Arbeiten.

Jedenfalls hat er sich da in einen gleichaltrigen Kerl verliebt, und wusste auf einmal, was Sache ist. Und von anderen hat er gelernt, wie man am Bahnhof Geld verdienen kann. Es hat ihm sogar Spaß gemacht. Und je geiler er seine eigenen Klamotten fand, desto leichter kriegte er Kunden. Viel Geld hat er seinen Eltern abgegeben. Bis die Polizei ihn geschnappt hatte. Er weiß nicht, wo man ihn hingebracht hätte, wenn der Professor ihn nicht für den Zoo bekommen hätte. Sowas war in der Vorstadt unbekannt. Denn es ist noch niemand zurückgekommen.

Er sagt, dass man in diesem religiösen Staat seinen Eltern keine Schwierigkeiten wegen ihm machen wird. Christliche Nächstenliebe, Vergebung und so weiter. Und nach ein paar Tagen hier gewöhnt er sich an den Gedanken, dass es hier besser ist als in der Illegalität.

© Jens van Nimwegen, Nijmegen 2014