Rezension H.H.

 

Themen-Kaleidoskop und systemischer Versuch

Vorbemerkung

Stino und BDSMler. Den einen erregt ein Knackarsch, den anderen gefesselte Hände.

Beide spielen ein Spiel: In genau definierten (i.e. erotischen) Situationen wird nach bestimmten Regeln mit dem Knackarsch oder den gefesselten Händen gespielt. Außerhalb dieser Situationen gelten andere Regeln.

Beide können einen Traum vom erotischen Paradies träumen: immer nur noch mit dem Knackarsch spielen oder immer nur noch in Fesseln sein.

Beide kehren aber auch gern wieder in die Wirklichkeit zurück: zu Menschen, die aus mehr als aus ihren Knackärschen bestehen, oder zu Menschen, die auch anders als gefesselt sein können.

Die Abrichtung träumt den Traum, wie es wäre, wenn alles zu einem einzigen, endlosen BDSM-Paradies würde.

Es gibt mannigfache Lesarten dieses Romans, die einander ergänzen müssen. Der Übersichtlichkeit halber seien sie hier einmal voneinander getrennt. Man kann ihn lesen als:

  • Biographischen Erfahrungs- oder Rechenschaftsbericht
  • Psychogramm eines BDSM-Tops
  • soziologische Reflexion über eine Randgruppen-Existenz
  • Roman einer Inkulturation (adaptierte/verfremdete Robinsonade)
  • Einführung in BDSM-Szene und -Praktiken
  • Porno

Im folgenden werden diese Aspekte aber nicht systematisch voneinander getrennt.

Ästhetische Qualitäten

Übersichtlicher, einfacher Aufbau: Vorbereitung und Durchführung einer BDSM-Beziehung; chronologische Anordnung nach Jahren, aber unter thematischen Überschriften. Es geht nicht um zufällige Ereignisse, sondern um den zusammenhängenden Sinn in den Ereignissen.

Gattung des biographischen Berichts; Entwicklungs-, Erziehungs-, Inkulturationsroman: Ein Meister breitet hier seine Erfahrungen über Sklavenhaltung und Sklavenabrichtung aus, was zugleich als Anleitung und Gebrauchsanweisung oder auch Porno gelesen werden kann.

Sprache: unprätentiös direkt und offen beim Tabubruch; konzentriert auf das Wesentliche – Lust am Erzählen äußert sich hier als Lust an der minutiösen Beschreibung von Folterapparaturen oder Bekleidungsfetischen.

Hauptmerkmale u.a.: variierende Wiederholung bestimmter lustbesetzter Themen (s.u.), technizistische Sprache der Bastel- oder Gebrauchsanweisung, Pornographie (detaillierte BDSM-Darstellung zur sexuellen Erregung), Provokation (Verdinglichung, Tabubruch), reflektierender, unterrichtender, zuweilen manipulierender Gestus, Gegensatz zwischen kultiviertem Sprachgebrauch und bewusst proletenhaft derbem Inhalt.

Themenkaleidoskop

Sexualität

Blasen

Von allen denkbaren Vanilla-Sexspiel-Varianten kommt eigentlich nur das Sich-einen-blasen-Lassen öfter vor. Ansonsten tritt Vanilla-Sexualität ganz hinter die übrigen Themen (s.u.) zurück, und damit ist nur deren Wichtigkeit betont. Es geht allein um BDSM.

Zur-Schau-Stellen

Fetischismus, Demütigung und Schamverletzung

Der Exhibitionismus ist vor allem Sache des Sklaven. Dessen öffentliche Demütigung und Beschämung delegiert diese Gefühle an ihn. Er soll unverstellt mit seinen Unflätigkeiten in die Öffentlichkeit treten – wohl in Stellvertretung für den Herrn. Dieser erlebt zugleich die Beschämung und das Überhobensein der Beschämung, da er ja nicht selbst beschämt wurde.

Fetisch

Kleidung bzw. Nacktheit, Folterinstrumente

Die Art der Kleidung zeigt die Zugehörigkeit zur Punk- bzw. Leder-Szene, soll in einem ästhetischen Sinne die sexuellen Reize des Körpers enthüllen und vor allem – mal mehr, mal weniger – in einem provokanten Sinn exhibitionistisch sein. (s.o.) Kleidung wird so zum Super-Fetisch, denn sie verhüllt und enthüllt zugleich die BDSM-Identität. (THIS SUCKS)

Die Folterwerkzeuge dienen dem Manipulations-, Kontroll- und Aggressionsbedürfnis (s.u.).

Männlichkeit

Frauen, Männer, Männer-Klamotten und -Fressen, Weiblichkeit, Perfektion

Frauen tauchen keine auf, Weiblichkeit höchstens als abgelehnte Eigenschaft des tuntigen Juweliers. In dieser reinsten Männerwelt werden die gängigen Klischees von Männlichkeit in perfektionistischer Weise auf die Spitze getrieben. Haben Frauen Kleiderschränke voller schmückender Kleidung, so kommen richtige Männer mit einem einzigen Hemd und einer einzigen Hose aus. Kochen ist Frauensache. Deshalb gibt es hier ungekochtes, rohes Hackfleisch. Männer fressen – und saufen Bier, Champagner etc. Neben der Klischeehaftigkeit ist auffällig der unduldsame Perfektionismus, mit dem die Männer sich hier zu Supermännern stilisieren. Jedes feminine Detail an der Kleidung, das über die Funktion, kalte Härte zu zeigen und Geilheit zu erzeugen, hinausginge, z.B. Knöpfe, muss entfernt werden.

Trotz aller radikalen Reduktion auf das rein Männliche bleiben einige weibische Relikte: Opernbesuche, akademische Berufe, Champagner (als Ausdruck von Kultivierung, Verfeinerung). Sie werden geduldet wohl wegen des damit verbundenen Sozialprestiges, was wiederum etwas eminent Männliches ist.

Kontrolle

Herr – Diener, sexuelle Riten, Zwänge

Der Sklave erfüllt peinlich genau eine völlig festgelegte Rolle. Eigene Bedürfnisse hat er keine. Er wird zur beliebig benutzbaren Sache (Dreckstück).

Nur die Bedürfnisse des Herrn zählen. Mit der uneingeschränkten Herrschaft seiner Bedürfnisse wird die Welt denkbar einfach. Die vertikal zweigeteilte Welt ist so eingerichtet, dass ein selbständiger Partner mit anderen Bedürfnissen, mit konkurrierenden Ansprüchen widersinnig wäre.

Erotische Situationen bleiben kontrolliert. Lieben lässt der Herr sich fast nur in der von ihm bestimmten Form (Blasen), für die er außerdem einen genauen Ritus vorgibt (Aufwecken etc.). Selbst liebt der Herr fast immer aus der Distanz, indem er züchtigt oder streichelt (vor allem mit der Schuhsohle). Besitzergreifung geschieht also im Rahmen einer Situation, die Kontrollverlust ausschließt: Sexuelle Interaktionen sind meist funktionelle Manipulationen weniger eng umgrenzter Körperregionen, vermeiden größere körperliche Nähe und die Begegnung mit dem Menschen jenseits der Rolle bzw. das Heraustreten aus den fixierten Rollen.

Aggression

Demütigung, Strafe, Lust

Lust an der Aggression scheint es keine zu geben. Trotzdem wird gedanklicher Aufwand zu ihrer Verteidigung getrieben. Es finden sich wenigstens vier Ideen zur Rechtfertigung von Strafe und Folter:

Der Sklave wird abgewertet zum verachteten Tier (Dreckschwein) oder Ding (Dreckstück), dem Aggressionen angemessen scheinen.

Befehl und Strafe vereinfachen das Leben (keine komplizierten Verhandlungen).

Bestrafungen klären Beziehungen (keine Schuld steht mehr zwischen Herr und Sklave).

Der Herr straft trotz seiner Liebe und nur aus besserer Einsicht (s.o.).

Herr-lichkeit

Selbstbild, Selbstliebe

Andere schwule Identitäten (Tunten) sind nicht richtig (männlich).

Die Selbständigkeit der anderen ist nur scheinbar: Auch wenn sie sich frei dünken, hat der Herr Pläne mit ihnen.

Bedürfnisse des Sklaven gibt es nur solche, die sich mit denen des Herrn decken; mehr noch: Strafaktionen, die den Sklaven vom Herrn prinzipiell auch entfremden könnten, werden von ihm sogar als lustvoll und bindungsfestigend erlebt.

Je niedriger (erniedrigter) der Sklave, desto erhöhter der Herr.

Die Welt ist einfach hierarchisiert: Oben ist der hohe, alles überblickende und steuernde Herr, weit unter ihm der erniedrigte Sklave. Weil diese beiden eine männliche Lebensform (hart-karg-dominant/servil) pflegen, sind sie allen anderen verweichlichten Männern überlegen. Zuletzt kommen die Frauen.

Systemischer Versuch

Alles zusammen bildet ein abgeschlossenes System: der Herr findet den passenden Sklaven, der Sklave will den Willen des Meisters, weitere Männer fügen sich ein, der Erfolg (Reichtum, exzellente Examina und Bekanntschaften, neidische Männer) bestätigt die BDSM-Lebensform.

Diese Lebensform schwankt zwischen öffentlich bürgerlicher (Oper) und verborgen sadistischer Lebensweise (Folterkeller). Der Exhibitionismus, der zwischen subtil-unsichtbar und aufdringlich-geschmacklos changiert, mag sich aus der Spannung solch bürgerlich-unbürgerlicher Lebensweise erklären. Die eigene Identität kann verborgen gehalten werden und doch auch nach außen drängen.

Eine wirkliche Bedrohung ist die bürgerliche Welt aber nicht, dazu ist zu permissiv. Die eigentliche Bedrohung der BDSM-Lebensform liegt in ihr selbst: i.e. die Gefahr der Abweichung. Das System, das keinen Halt in den bürgerlichen Institutionen hat, hält sich in einer prekären Stabilität, die es vor allem aus der Starrheit seiner Riten und der rigorosen Begrenzung der Lebensmöglichkeiten bezieht (z.B. ist Verzeihen kein möglicher Umgang mit Fehlern, sondern nur Bestrafen). Dabei dient die Folter der Stabilisierung des Systems. Jede Abweichung vom System bedroht es als Ganzes; insbesondere bedroht Ungebotmäßigkeit des Sklaven gegenüber dem Herrn die Systemwelt, die beide um sich herum errichtet haben. In dem Maße, wie der Erhalt dieses Systems letztlich auch im Interesse des Sklaven ist, dient die Folterung paradoxerweise auch zu dessen Wohl.

Resümee

In diesem endlosen BDSM-Traum wird bewusst der Spiel-Charakter der BDSM-Welt aufgehoben. Die andere Welt, welche die geile Welt eingrenzen (definieren) könnte, ist so gut wie verschwunden. So entsteht (durch Entgrenzung bzw. Verabsolutierung) eine Welt der reinen Geilheit (Verschweinung).

Das erstaunlichste Merkmal dieser Geilwelt, die sich frei macht von so vielen bürgerlichen Beschränkungen, ist ihre Rigidität.

Sie ist der Rückzug in eine Gegenwelt elementarer, rüder, brutaler Männlichkeit. Sofern Dominanz (Sozialprestige) an (feminine) Verfeinerung und Dekadenz gebunden ist, wird aber in der ansonsten perfekt und klinisch rein männlichen Welt ein gewisses Maß an Weiblichkeit in kauf genommen.

Die BDSM-Geilwelt ist eine unipolare Welt mit perfekten Wesen von ausschließlicher, reinster Männlichkeit.

Bestimmte Möglichkeiten des Umgangs miteinander sind undenkbar (Verzeihen, Trösten, Beschützen, heilsame Nähe, Sinnlichkeit – als Elemente einer bipolar männlich-weiblichen Gegenwelt oder nur eines Wunschtraums, Himmels).

Die BDSM-Geilwelt ist eine sinnvolle Welt: Wenn die Männer in ihr ein männliches Männerleben führen und sich dabei von einem richtigen Mann anleiten lassen, führt das zu einem gelungenen Männerleben. Lust, Einsicht, Herrschaft und Gehorsam überwinden alle Widerständigkeit der Realität.

Die BDSM-Geilwelt zielt auf die Vereinbarung von Rück- und Fortentwicklung, von Primitivität und Perfektion.

Die BDSM-Geilwelt zielt auf die Vereinbarung von gegenläufigen Tendenzen: den Leib des anderen zu begehren und ihn sich zugleich als anderen vom Leibe zu halten.

Befangener Versuch einer Wertung

Wirkung auf einen Nicht-BDSMler

Der perfekte Traum von übermännlichen Supermännern, die sich supermännlich mit hypergeilen Klamotten und Supersupermänner-Werkzeugen aufs supermännlichgeilste traktieren, generiert für den, der ihn nicht mit einer Erektion träumt, eine sinnlose Welt der Strafen, der Trostlosigkeit, des Ausgeliefertseins, der unüberbrückbaren Distanzen, der quälenden Manipulationen. Das unabänderlich Geile/Primitive wird triebhaft-zwanghaft repetiert, kultiviert und wirkt auf den, der diese sexuelle Präferenz nicht teilt, wie ein Alptraum ohne Aufwachen, wie eine Lusthölle auf Erden.

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)