Leseprobe

 

Anders als in Die Abrichtung kommen in Der Konvent auch andere als Jens zu Wort: die neu hinzukommenden Männer beschreiben in eigenen Worten ihre ersten Eindrücke. Zum Beispiel der spätere Sklave 004.

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„Übermorgen kann ich nicht nach Brandenburg fahren. Ich muss zum Gericht. Die Erben Buckendahl.“ – „Dann lassen Sie sich von Frau Willems vertreten.“ – „Nichts gegen Frau Willems, aber ich will die Sache gewinnen.“ – „Wenn Doktor Doktor Sie in Brandenburg wünscht, sollten uns die Erben Buckendahl egal sein. Er ist mit Abstand der wichtigste Kunde unserer Kanzlei. Sie fahren.“ – „Und was soll ich da, Herr Dr. Wallraff?“ – „Unsere Dienste anbieten. Da soll irgendetwas gegründet werden. Sie sollen sagen, dass Sie auch etwas von Klosterrecht verstehen. Das ist ihm wichtig. Sie sind seiner Meinung nach genau der richtige Mann. Also: hin, und offen sein für alles und mitdenken! Es soll Ihr Schaden nicht sein. Und vergessen Sie das Klosterrecht nicht! Wenn es sich gut anlässt, werden Sie dort vielleicht vorübergehend eine Außenstelle der Kanzlei eröffnen. Doktor Doktor meinte, da gebe es auch Wohnraum für Sie. Aber schauen Sie erst mal!“

Und dann saß ich im Auto nach Brandenburg. Es würde bestimmt ein interessanter Auftrag werden, sonst hätte Wallraff mich da nicht hingeschickt. Ich löse gern knifflige Probleme und kann das gut. Es war gutes Motorradwetter, aber Klientenbesuche nur in unverknittertem Anzug mit gebügeltem Hemd! Steht mir ja auch. Mein Dreitagebart und der Millimeterhaarschnitt hatte noch nie Anstoß erregt. In Köln kann man gut leben, ohne sich nicht zu verstecken. Mit den anderen Gay Bikers führe ich immer in voller Lederkluft auf dem Rad die Parade am CSD an. Alle paar Monate fliege ich nach San Francisco und lasse mich von Master Carl so richtig rannehmen. Jeder in der Kanzlei weiß das. 

Also dann eben mit dem Auto hin, Klosterrecht erwähnen, Lederzeug im Kofferraum, danach ne Nacht in den Schöneberger Kneipen, schlafen bei einem Kollegen von den Gay Managers in Dahlem, am nächsten Tag im verschwitzten Leder zurück. Dachte ich.

Aber was ich dort vorfand, hatte ich wirklich nicht erwartet. 

Klar, neun Zehntel all der Männer, die von SM einen Kick kriegen, geilen sich an der Phantasie auf, für immer und ewig versklavt zu werden. Leben ohne Rechte, ohne eigene Zeit, einfach nur da sein, gehorchen und bestraft werden, wenn man Fehler macht. Am liebsten nackt in Ketten. Von diesen Träumen lebt die halbe Pornoindustrie und in jeder Großstadt ein paar Kneipen und Fetischläden. Aber es bleibt dann meist bei Rollenspielen. Manche bezahlen sogar dafür. Und am nächsten Morgen verstecken sie das Lederhalsband im Nachtschrank und gehen wieder ins Büro, wo sie ohne Ketten und total ungeil die langweiligste Arbeit machen, und sich schämen für ihr Doppelleben.

Ein gewisser Mike Pastori hatte vor Jahren in Amerika mal ein Projekt, wo solche Sklavennaturen gehalten wurden, nachdem sie alle Bande mit dem bürgerlichen Leben durchgeschnitten hatten. Bis die Polizei einfiel. Aus der Traum.

Und hier nun sind ein paar Männer dabei, genau so etwas ins Leben zu rufen, und brauchen mich dafür. Das wurde natürlich erst deutlich, nachdem dieser Chef, ein Dr. van Nimwegen, und ich uns vorsichtig abgetastet hatten. Als wir dann sicher waren, dass wir ähnlich denken, wurde das Abtasten weniger vorsichtig. 

Ich war total überrascht, weil unvorbereitet, aber nicht verwirrt. Ich war glasklar, auch während ich durchgerammelt wurde. Hier sollte ein Traum Realität werden, über den ich schon oft nachgedacht hatte – ja, und, zugegeben, etliche einschlägige Schundromane gelesen – und ich bekam die Chance, dabei zu helfen.

Wir mochten uns. Ich war schnell sicher, dass dieser Chef das Richtige wollte und konnte. Er hatte prima Männer um sich. Und er hatte schnell raus, was ich für einer war. Der geborene Sklave. Nur wusste er natürlich noch nicht, wie gut ich in meinem Fach war und ob ich Qualität liefern konnte.

Nix mit Lederzeug nach Schöneberg! Zimmer im nächstbesten Gasthof und sofort anfangen, gut nachzudenken! Der Küchenjunge mit seiner geilen Fresse versuchte mich anzumachen. Den hätte ich leicht ins Bett kriegen können. Aber jetzt nicht. Jetzt geht es um das Große, Ganze. So eine Chance bekommt man nur einmal. Die krempelt das ganze Leben um, wenn man was kann und nicht kneift. 

Aber es wird ein Machtkampf werden. Wenn ich das nicht perfekt hinkriege, verliere ich und werde ausgelacht. Mit dem ist nicht zu Spaßen.

Ein hieb- und stichfestes juristisches Werk bauen, das Sklaverei auf Lebenszeit so strikt ermöglicht, wie es in Deutschland nur geht. Ein Vertragswerk, das radikale Ungleichheit ohne Ausweg festschreibt. Juristische Ketten schmieden, die man nie mehr los wird. Und ich will meine eigenen Ketten für immer tragen müssen. Jedenfalls bei diesem Herrn und seinen Männern. Alles starke Persönlichkeiten, auch die Sklaven. Und ich ja auch. Desto geiler werden die Ketten sein. Auch noch in Jahrzehnten! Aber nur, wenn sie kein Nepp sind. Nix Phantasie, der Ernst des Lebens!

Einfach würde das nicht werden. Der Eine muss alle Rechte und seine ganze Freiheit für immer aufgeben, mit Ausnahme des Rechts auf Leben und Gesundheit, der Andere muss alle Rechte erhalten, auch das Recht zur körperlichen Züchtigung und weitestgehender Einschränkung der Freiheit, und das Ganze so solide, dass der Staat sich nicht zum Eingreifen gezwungen sieht und auch keine Möglichkeit zum Eingreifen hat.

Und die Kanzlei? Meine gute Stelle? Man weiß ja nie…

Ketten! Also: sofort kündigen und nur noch alle laufenden Sachen ordentlich abrunden. Und dann: zeige was du kannst!