Jens van Nimwegen über das Schreiben

 

DSC00002Die Abrichtung und die ersten, tagebuchartigen Einlagen in Manimals sind entstanden als Aufzeichnungen von Erlebnissen und Phantasien, die ich nachher zu einer fortlaufenden Erzählung umgearbeitet habe.

Alle anderen Romane haben sich selbst geschrieben, nachdem die Ausgangssituation gewählt war.

In Zwillingsforschung wird am Anfang deutlich, warum Eric sich für Zwillinge interessiert, und wie das Thema auch schon in anderen Büchern vorkommt.

Ich hatte beschlossen, endlich ein philosophisch herausforderndes Buch über Zwillinge zu schreiben, wobei ich als Autor das Spannungsfeld zwischen Gleichheit und Unterschied erforsche. (Es geht natürlich nicht um Zwillingsforschung im biologischen Sinn.)

Der ich-Erzähler sollte ein Niederländer im Exil sein, damit die Niederlandismen in meinem Deutsch weniger schlimm sind. Der Beruf des Personenschützers hat mich immer schon interessiert, und als ich zwei Mal im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt war (am Tag der offenen Ministerien), habe ich mir vor allem diese Männer in dunklen Anzügen mit Spirale im Ohr angeschaut, die mit ihrem Haarschnitt experimentieren, ohne sich wirklich zu trauen.

Der schwarze Jim, auch Niederländer, musste dazu, weil Kerle untereinander die Grenzen der politischen Korrektheit aufsuchen.

Den Garten hinter KW mit der langen Anfahrt über Waldwege gibt es genau so, nur gehört er leider einem weniger reichen schwulen Paar, und das Haus ist sehr klein.

In meinem ersten Buch, in dem Zwillinge vorkommen, Der Konvent, wird schon gelost, und wegen der Gleichheit geht es ja auch nicht anders. Warum auf der Münze GOD ZIJ MET ONS stehen muss, kann ich nicht sagen.

Dass die Zwillinge am Anfang besonders reich und frei sein mussten, liegt nahe: Damit wird der Unterschied extrem. Dass es ethisch akzeptable Unternehmer sein mussten, liegt daran, dass es mich anwidert, über andere zu schreiben.

Brandenburg kenne ich gut, und da gibt es eine Hassliebe.

Das sind die Ingredienten. Sie haben sich nach und nach ergeben; aber dabei hatte ich noch keine Ahnung von der Geschichte, nur die Neugier, wie sich solche Zwillinge entwickeln können. Manche Autoren zeichnen genaue Pläne. Das habe ich nie gemacht.

Beim Lesen eines Hollands Dagboek wurde mir dann schlagartig klar, dass das ein idealer Anfang ist. Dann lag der erste Satz irgendwie nahe.

Und von dem Moment an schrieb das Buch sich von selbst. Und all die anderen mit den genannten beiden Ausnahmen ebenso.

Ich kann den Mechanismus am besten mit Hilfe von Computern erklären. Seit 1960 ist wissenschaftlich unumstößlich bewiesen, dass man – abgesehen von einigen günstigen Ausnahmefällen – im Prinzip nicht vorhersagen kann, was ein Computerprogramm tut, auch wenn alles durch das Programm festliegt. Die einzige Möglichkeit, zu wissen, was geschehen wird, ist, es zu beobachten.

Mein Schreiben fühlt sich so an, als liefen in meinem Gehirn kleine Computerscripte parallel ab, die das Verhalten der Personen im Buch und ihre Worte bestimmen. Vorhersagen lässt sich nichts; man kann nur abwarten, wie sie reagieren.

Ich habe diese Personen entworfen, und ich weiß, wie sie sind, aber nicht, was sie tun werden. Das hängt ja auch von ihrer Umgebung und von den anderen ab.

Und dann läuft ein Film ab, den ich selbst noch nicht kenne, und ich komme mit dem Eintippen kaum nach. Der eine sagt was, der andere reagiert, und auf einmal wird da eine freche Bemerkung gemacht, und auf einmal geschieht etwas, wodurch alles anders wird.

Die Personen leben in Berlin und Brandenburg, und da treffen sie auch auf andere Menschen. Zum Beispiel auf andere Personenschützer, auf Mitarbeiter, Tätowierer und Friseure. Die sind so, wie sie in der Natur eben sind, und verschwinden wieder aus der Handlung, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben. (Das ist übrigens ein sehr böser Satz Friedrichs des Großen. Der hatte einen eigenen Jim, schwarz, damals nannte man das Mohr. Und dieser Mohr hatte einmal etwas getan, was besonders kreativ, wichtig und nützlich war, erklärte das dem König und erhoffte eine besondere Belohnung. Und Friedrich sagte: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann geh’n.“)

Aber ohne, dass ich das geplant hätte, bekommen einige dieser Nebenfiguren dann ein eigenes Leben und bleiben dabei: in diesem Buch Kalle und Thomas. Dass Thomas es so weit bringen würden, wusste ich selbst erst, als Till einmal mit seinem Bruder über Familienangelegenheiten reden wollte. Dass Kalle sein Mann werden würde, hat mich selbst auf der letzten Seite genauso überrascht wie Jim, der seine geschmacklose Bemerkung herausflapsen musste.

Und als dann ganz neue Verhältnisse herrschten und Eric und Tim irgendwie daneben hingen, war mir klar, dass das Buch nun zu Ende ist und etwas Neues anfangen muss.

Natürlich lese ich dann so ein Buch noch etliche Male von vorn bis hinten durch und mache Dinge deutlicher. Das ist Dienst am Leser, zu dem keine Zeit war, als all diese Personen so schnell handelten, dass ich kaum mitkam.

Es kann natürlich sein, dass auch ich nur ein Computerscript in einem höheren Werk bin. Ein script, das versucht, sich selbst zu verstehen.

Die Ingredientien zu Kuckucksjunge sind schnell erklärt. Es musste ja nun weitergehen mit Tim und Eric, also muss da ein neuer Anfang sein. Und das zweite Buch sollte sich auch ohne das erste lesen lassen. Also musste darin die nötige Konstellation noch einmal erklärt werden.

Und dann war da der zufällige Fund im www eines Fotos von einem jungen Mann, der für mich (und für Eric) eigentlich viel zu jung ist, aber etwas im Blick hat, dem man sich schwer entziehen kann.

Ich war als Hochschullehrer immer an Studenten interessiert, die noch nicht durch soundsoviel Semester Universität abgestumpft waren, sondern für die Lernen in einer neuen, herausfordernden, akademischen Umgebung noch eine Horizonterweiterung sein konnte. So hatte ich immer wieder erlebt, wie Schule gerade begabte Schüler verdummen kann. Zu meinem Freundeskreis zähle ich besonders motivierte Gymnasiallehrer, die mir viel erzählt haben. Dass der Traumprinz nun zufällig dieses Alter hatte, machte sicher möglich, dass viel zum Thema Lernen und Schule geschah. Aber was da geschah, war für mich als Autor nicht vorauszusehen und nicht zu planen. Auch dieser junge Graf lebte sein Leben, und ich wusste bis kurz vor dem Schluss nicht, was es werden würde.