Ein Gymnasiast über das Werk von Jens van Nimwegen

 

Im Herbst 2012 schrieb ein Wilmersdorfer Gymnasiast eine Deutscharbeit über das bis dahin erschienene Werk von Jens van Nimwegen.

Die Arbeit und die Beurteilungen durch Lehrer sind als Beilage im Roman Kuckucksjunge zu finden.

Die Peitsche im Werk von Jens van Nimwegen

Hausarbeit Oktober 2012

A. L. W. Graf von Rüdenstein

Das Werk von Jens van Nimwegen umfasst derzeit den Doppelroman Die Abrichtung (Männerschwarm 2012) / Der Konvent und die Trilogie Manimals / Ratte, Rotz und Radu / Die Artgerechte Haltung des Homo manimalis. Bis auf den ersten sind die Romane leider nur unter der Hand zu bekommen, gehören aber m.E. zur ernsthaften deutschen Literatur. Wer Fifty Shades of Grey interessant findet, sollte Die Abrichtung lesen. Die Abrichtung ist sprachlich und psychologisch weit besser und tiefgründiger. Aber selbstverständlich für den amerikanischen Markt vollkommen ungeeignet.

Die Peitsche ist in allen fünf Büchern ein Motiv, aber sicher nicht das wichtigste. Es geht um viel mehr, aber das sprengt dieses Thema. Wir sollten zwei Werke vergleichen. Die anderen sind Zugabe.

Die Abrichtung beschreibt, wie ein älterer Akademiker einen jungen Studenten abrichtet, der sich ihm als Sklave unterworfen hat. Ich könnte dieser Junge sein, müsste aber dazu erst das Abi schaffen. Er wird von seinem Herrn zu zwei verschiedenen Zwecken gepeitscht. Zum einen zur Strafe, wenn er unverzeihbare Fehler begangen hat. Nach diesen Schlägen blutet er. Sie müssen schrecklich sein, und ich würde mich davor fürchten. Aber danach ist es wieder gut. Vergeltung, nicht Verzeihung. Die Verfehlung ist vergessen, die Beziehung zwischen Herr und Sklave wieder in Ordnung. Ich kann mir vorstellen, dass das funktioniert. Und diese Form der Vergeltung ist doch sinnvoller als Einsperren, was nur wertvolle Zeit vernichtet. Aber der Junge erhält die Peitsche auch aus Liebe. Siebzig, hundert Schläge hintereinander, ohne dass er danach blutet. Es gibt Striemen, aber die sind nach ein paar Stunden wieder weg. Ich habe so etwas nicht selbst erfahren. Ich weiß nicht, ob ich mir vorstellen kann, dass das gut tut. Im Buch verstärkt es das Band zwischen dem Jungen und seinem Herrn.

Der Konvent ist eine Art Fortsetzung mit anderen Mitteln. Ein Bauroman, in dem verschiedene Herren und Sklaven zusammen eine große Wohnanlage aufbauen. Da muss immer geregelt und organisiert werden, damit so viele Menschen gut zusammenleben können. Da hat die Peitsche die erste Funktion, die der Leser aus Die Abrichtung kennt: Vergeltung. Die Auspeitschungen werden im Konvent immer öffentlich vollzogen und durch Glockenschläge begleitet, und danach vertragen und respektieren sich alle. Wer bestraft wurde, ist stolz darauf, dass die Sache so bereinigt ist. Von Erniedrigung oder gar Vernichtung ist keine Rede. Leider haben wir im Unterricht nie über Auspeitschungen in den Sharia-Staaten gesprochen. Mich würde interessieren, ob es dort anders ist.

Manimals ist ein Panoptikum von Berlinern, einem Spanier und einem jungen Rüdersdorfer (sic!), die keine Scham mehr kennen oder trainiert werden, sie abzulegen. Gesellschaftliche Zwänge machen denen keine Angst mehr. Und dabei bleiben es gute Menschen. Die ethischen Standards sind hoch. Ich würde gerne zu denen gehören. Vor allem haben sie dauernd Sex miteinander. Die Peitsche kommt hier eher am Rande vor, als Erziehungsmittel für einen von denen: einen übriggebliebenen amerikanischen Besatzungssoldaten. Das im Doppelroman Die Abrichtung / Der Konvent vorherrschende Spannungsfeld alt-jung verdichtet sich in Manimals zum ersten Mal zu einem Vater-Sohn-Problem. Aber das ist nicht das Thema dieser Arbeit, ebensowenig wie der omnipräsente Exhibitionismus, der mich durchaus anspricht.

Ratte, Rotz und Radu ist die Fortsetzung von Manimals. Wir treffen dieselben Protagonisten wieder. Das Genre ist diesmal das eines Kriminalromans, und der ist sogar spannend und vollkommen logisch durchkonstruiert ohne Fehler. Auch hier treffen wir ein Vater-Sohn-Spanungsfeld an. Die Peitsche kommt hier einmal offen und einmal verborgen vor. Offen zur Züchtigung des Verlierers eines Wettkampfes. Ethisch ist dies heikel. Wenn zwei Sklavenbesitzer wetten, wessen Sklave besser ist, darf der unterlegene Sklave dann bestraft werden? So verständlich mir das Bedürfnis psychologisch erscheint, so wenig kann ich beurteilen, ob es ethisch gerechtfertigt werden kann. Niemand hat schließlich eine Übertretung begangen. Kann man seinen Sklaven zu höheren Leistungen anstacheln, wenn er Angst vor der Peitsche hat, falls zufällig ein anderer besser ist? Und was, wenn es bei gleicher Leistung zufällig nur schlechtere Leute im Wettkampf gibt? Mir kommt das ungerecht vor. Wenn es aber funktionieren würde, wäre ein Modellversuch an Berliner Schulen zu erwägen, um die Leistungsbereitschaft der Schüler zu erhöhen. Ich würde teilnehmen, dann wird es wenigstens weniger langweilig hier. – Verborgen kommt die Peitsche vor in einer Szene, in der ein sog. Maso höchstwahrscheinlich in seinem Keller von einem ehemaligen Polizisten gezüchtigt wird. Auch das hat mit Strafe und Vergeltung nichts zu tun. Vielleicht mit der zweiten Form, mit Liebe, denn der Polizist geht danach nicht mehr weg.

Die Artgerechte Haltung des Homo manimalis ist wiederum eine Fortsetzung, spielt aber viele Jahre später, nach dem Großen Zusammenbruch. Es ist ein Zukunftsroman, aber ich kann auch nach dreimaligem Lesen nicht beurteilen, ob ich für oder gegen diese Zukunft sein muss. Obwohl gleich zwei Zukünfte in zwei Teilen Deutschlands geschildert werden. Im nördlichen Teil Deutschlands herrscht ein hohes Arbeitsethos, jedenfalls in der im Buch beschriebenen Firma, in der nur Männer arbeiten, die alle miteinander Sex haben. Da haben Auspeitschungen auch wieder die Vergeltungsfunktion. Im südlichen Teil gelten Homosexuelle als Tiere und werden in den Zoo gesperrt, wo sie wie im Paradies rumsauen können ohne Angst vor der Gesellschaft und vor Strafe, denn es wird nichts bestraft. Da verwenden manche Peitschen aus Lust oder um Underdogs zur Arbeit anzustacheln. Dieses Leben im Zoo hat schon was Attraktives. Vielleicht auch, weil Exhibitionismus da normal ist. Übrigens wird die Vater-Sohn-Beziehung aus Manimals hier auf die Spitze getrieben, bis hin zum Inzest, falls der zwischen Vater und Sohn überhaupt möglich ist.

Ich versichere, nur die zitierten Quellen verwendet zu haben, diese Arbeit selbst geschrieben und vorher in keinem anderen Fach verwendet zu haben. Obwohl das Thema auch anderen Fächern gut täte.

                                                   Rüdenstein